Niels Ott

Computational Linguist

Ärger mit der Örgele

Tuesday, January 26. 2010 • Category: Automatic MindComments (4)Trackbacks (0)

-->

Apologies to my English speaking readers for the rest of this article being written in German. It simply seems odd to formulate complaints about a southern German newspaper article dealing with a southern German dialect in English. Stay tuned, more general stuff will come in English as usual in the future.

»Aus Lorch ereilt uns die überraschende Nachricht, dass es ein schwäbisches Wort für den Bohrfutterschlüssel gibt. Es lautet Ärgele.« So beginnt eine weitere Ausgabe der Kolumne Schwäbisch auf Anfrage von Henning Petershagen, abgedruckt wie üblich im samstäglichen Magazin der Südwest Presse, genauer am 9. Januar 2010. Leider gibt es den diskussionswürdigen Beitrag beim Verlag nicht online, weswegen ich das Risiko eingegangen bin, eine Kopie zur Verfügung zu stellen. In diesem Post geht es auch nicht darum, die Holzmedien anzugreifen, vielmehr wurde beim Lesen der Kolumne mein Stefanowitsch-Reflex getriggert: Wenn sich Leute in der Öffentlichkeit über Sprache äußern und dabei Grundlagen der Sprachwissenschaft übersehen, dann muss das doch von jemandem kommentiert werden. Und da bietet sich ein Blog-Post doch geradezu an. Doch der Reihe nach…

Zunächst berichtet die Kolumne von einem Leser – einem Nichtschwaben – der das Wort Ärgele entdeckt habe. Nun will er wissen, wo es denn herkomme und was es damit auf sich habe. Es ist natürlich verständlich, dass ein Nichtschwabe sich damit nicht so gut auskennt, und letztendlich findet Petershagen die richtige Erklärung: Beim Ärgele handelt es sich um einen Diminutiv von Orgel. Er fischt herum und findet andere Dinge, die ein Örgele sind: Der Schlüssel, der bei älteren Schlittschuhen zum Festziehen der Bindung benutzt wurde. Letztendlich landet er bei der Drehorgel. Das mag ja alles richtig sein, doch was überhaupt nicht passt ist die Unterscheidung zwischen Ärgele und Örgele. Dabei ist die Erklärung recht simpel, wenn man sich mit Phonetik und Phonologie (zweites Semester Sprachwissenschaft in Tübingen) mal befasst hat.

Ärgele und Örgele sind exakt das gleiche Wort. Dass Örgele für einige Sprecher die zusätzliche Bedeutung eines Bohrfutterschlüssels hat, das ist eine andere Geschichte. Man muss hier beachten, wie es sich mit der Zuordnung von schriftlicher und gesprochener Sprache verhält. Dazu kommt das Phoneminventar: Das Inventar ist eine Beschreibung der Phoneme, die eine Sprache kennt. Und hier muss man eben wissen, dass die standarddeutschen Laute für Ü ([ʏ] bzw. [yː]) und Ö ([œ] bzw. [øː]) im Schwäbischen nicht vorhanden sind. Für jüngere Sprecher könnte sich das derzeit natürlich ändern, es gilt aber auf jeden Fall für die NORMs (non-mobile older rural males, ein Begriff von Chambers und Trudgill, gecoined in deren Werk Dialectology, Cambridge Univ. Press 1998).

Was der Schwabe nun macht, wenn er in der Schriftsprache auf ein Ö stösst, das hängt von der Umgebung ab. Der Einfachkeit halber lasse ich nun auch mal die Transkriptionen weg und denke mir eine standarddeutsche Aussprache. Generell wird der Schwabe ein Ö in der Schriftsprache wie ein E aussprechen. Zum Beispiel beim Ortsname Mössingen, dieser wird zu Messenga (wobei das -a hinten als kurzer, Schwa-ähnlicher Laut zu verstehen ist). Bekannter und für Nichtschwaben anfangs erstaunlich ist sicherlich das einfache Wort Ehl, bei dem es sich um ganz normales Öl handelt.

Wieso wird nun also das Örgele in den Ohren eines Nichtschwaben (s.o.) nicht zu einem Ergele sondern zu einem Ärgele? Die Antwort darauf: Assimilation, also die gegenseitige Beeinflussung von Lauten in einer bestimmten Umgebung. Das kann durch ein minimales Paar von jedem selbst beobachtet werden: Spricht man die Worte Ehre und Ehe laut aus, so zeigt sich, dass im ersten Fall das E zu einem Ä tendiert, weil es vom nachfolgenden R beeinflusst wird. Das neutrale H in Ehe hingegen lässt das E wie es ist. Das R im Schwäbischen kommt in verschiedenen Varianten vor, in manchen Gegenden sogar als rollendes R. Häufig ist jedoch ein pharyngalisiertes R, man könnte sagen, der Schwabe ›schluckt das R hinunter‹ – es wird ganz hinten ausgesprochen. Dadurch wird ein zum E gewordenes Schriftsprachen-Ö noch viel mehr zum Ä, und schon sind wir beim Ärgele. (Siehe auch: Markus Hiller, Regressive Pharyngalisierung in Stuttgarter Schwäbischen als C-V-Interaktion, Linguistische Berichte (155), 1995)

Das Ärgele bleibt dennoch das Örgele, denn es ist kein anderes Wort sondern nur die natürliche schwäbische Aussprache ein und desselben Begriffs. Zu dieser Folgerung kommt dann auch der Informant von Petershagen, dem er im Zitat den letzten Absatz dieser Folge der Kolumne überlässt. Die Ausführungen über Dinge zum Kurbeln, die Örgele heißen können, sind interessant, tun bei der Erklärung der Aussprache aber leider nichts zur Sache.


Bildnachweis: Darryl Coe, fotografiert von dpup, CC BY-NC-SA.

0 Trackbacks

  1. No Trackbacks

4 Comments

Display comments as (Linear | Threaded)
  1. Ist das Ö im Örgele nicht kurz, sodass es zwischen Ärgele und Ergele eh keinen Unterschied gäbe?
  2. Das Ö ist in der Tat kurz, keinen Unterschied gäbe es damit aber dann nur, wenn kurze Vokale im Schwäbischen analog zum Hochdeutschen ungespannt wären. Hiller (s.o.) geht davon aus, dass im Stuttgarter Schwäbischen kurze Vokale gespannt sind. Selbst wenn man dem nicht zustimmen möchte, so ist das "Ä" in Örgele und in meinen Ohren eben deutlich mehr ein Ä als ein ungespanntes E. (Leute von nördlich des Weißwurstäquators müssen aufpassen, ein Ä meint hier ein Ä und nicht ein E wie in norddeutschem Kehse, pardon, Käse.)
  3. D.h. im Schwäbischen gibt's einen Unterschied zwischen kurzem (wie in Bett) und kurzem (wie in Säcke) und dieser Unterschied lässt sich so charakterisieren, dass Letzteres gespannter ist als Ersteres?
  4. Neuer Versuch:

    D.h. im Schwäbischen gibt's einen Unterschied zwischen kurzem e (wie in Bett) und kurzem e (wie in Säcke) und dieser Unterschied lässt sich so charakterisieren, dass Letzteres gespannter ist als Ersteres?

Add Comment


Enclosing asterisks marks text as bold (*word*), underscore are made via _word_.
Standard emoticons like :-) and ;-) are converted to images.
E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications

To prevent automated Bots from commentspamming, please enter the string you see in the image below in the appropriate input box. Your comment will only be submitted if the strings match. Please ensure that your browser supports and accepts cookies, or your comment cannot be verified correctly.
CAPTCHA