Neue Platte: ChillLive – Best of 2009

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 17. Februar 2010 um 23:37 in Klangkonsum
Im Jahr 2009 war ich der Organisator der Elektronikmusik-Jamsession ChillLive, die jeden zweiten DonnerstHaag im Monat im Café Haag in Tübingen ausgetragen wird. Fast jede Session wurde live mitgeschnitten. Daraus haben wir nun ein BestOf-Album zusammengenagelt. Und das ist heute rausgekommen und hört sich so an:

  

Hier wurde mit wenig Netzen und kaum doppeltem Boden gearbeitet, der Recorder hatte halt nur vier Spuren. Es ist also alles echt und alles spontan so auf der Bühne entstanden.

Die Scheibe gibt's unter einer Creative Commons-Lizenz kostenlos aber nicht pflichtenlos zum Download bei Jamendo. Das Sowas-wie-ein-Netlabel DrNI:EM vertreibt die Scheibe in verschiedenen Dateiformaten zu gleichen Konditionen.

Bernd Kistenmacher: Celestial Movements

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 24. Januar 2010 um 19:18 in Klangkonsum
»Der beste Bassist aller Zeiten,« so betonte der U. immer wieder. Der U. ist auf die sechzig unterwegs und bei zwanzig stehen geblieben. Hellmut Hattler – den meinte er – ist zweifelsohne einer der besten Bassisten Deutschlands. Aber dass seit den frühen Platten von Kraan in den Siebzigern nur noch Schrott gekommen sei, das behaupten nur eingerostete Junioropas wie der U. einer ist. Krautrock, und wie es daraus jede Menge experimenteller bis elektronischer Musik entstand und warum, das erläutert eine interessante Doku von BBC Four, die es in sechs Teilen bei YouTube zu sehen gibt. Kraftwerk, Klaus Schulze, Tangerine Dream, wo sind wir heute?


DirektRöhre

Die Platte Celestial Movements von Bernd Kistenmacher kann man als eine Weiterentwicklung ansehen. Die Scheibe beginnt bedrohlich mit düsteren Flächen, um sich dann im zweiten Stück gleich in Richtung klassischer sequenzer­befeuerter Berliner Schule zu wandeln. Weiter geht es mit kräftigen, man möchte schon sagen epochalen Flächen mit vorsichtigen Melodien aus den Boxen, Ambient herrscht deutlich vor. Klassisch auch die Betitelung der Stücke wie In Face of Saturn oder Living between Asteroids, da klingelt bei den Fans des Genres natürlich gleich der Spacenight-Wecker! Weiter hinten dann dominieren wieder die Melodie­automaten. Im Video ist auch der imposante Octopus-Sequenzer hinten rechts auf der Bühne zu bestaunen. Begeisternd auch die Auswahl der Sounds, wobei ich annehme, dass viele auch extra für diese Platte erstellt wurden. Hier wurde offenbar kein Detail ausgelassen. Für Synthetisisten natürlich immer wieder ein Erlebnis ist die Durch­setzungs­stärke der Moog-Synthesizer.

Celestial Movements ist im Webshop von MellowJet Records als CD und als MP3-Download erhältlich.

Alles Quark, würde nun der U. sagen – außer man würde ihm dieses letztes Jahr erschienene Album als eine Produktion der Siebziger verkaufen, ihm das Bier wegnehmen und eine Kräuterzigarette dafür geben. Mir schmeckt's auch so.

Blues am Schreibtisch

Geschrieben von DrNI am Montag, 4. Januar 2010 um 16:13 in Musizieren
Musik machen bedeutet auch Schreibtischarbeit. Meistens also das Schreiben von Pressemitteilungen, das Herumtelefonieren mit Veranstaltern, Internet-Gedöns. Und manchmal dann auch wieder Interessanteres. Dafür braucht man dann aber auch geringfügig mehr Büroausstattung, wie das Foto vermuten lässt. Im Studio2 unserer WG verbrachte ich nun ein Wochenende mit Erkenntnisgewinn. Da bleibt mir nur neidlos anzuerkennen, wie viel mehr Know-how der Bewohner von Studio1 hat.

Nun da der Maschinenpark endlich wieder rund läuft, steht auch neuer elektronischer Musik nur noch Zeitmangel im Wege.


Nachtrag: Dieses Foto ist das erste in einer Serie auf Ardour.org, der Website der besten kostenlosen Digital Audio Workstation.

Kristen Barry

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 23. Dezember 2009 um 11:48 in Klangkonsum
Als im Jahr 1999 der Film Eiskalte Engel (engl.: Cruel Intentions) herauskam war ich gerade in einem Lebensabschnitt, in dem ich mit einem Freund relativ wahllos in Kinofilme seiner Wahl ging. Vielleicht ging deswegen dieser Song aus dem Soundtrack an mir vorbei, der heute eine meiner Lebensabschnittshymnen ist. Ordinary Life von Kristen Barry:


(DirektRohr)

Glaubt man der Indiepedia, so hat Kristen Barry später Matthew Ellard geheiratet, der laut den Liner Notes ihrer einzigen Platte The Middle. The Beginning. The End. bei der Produktion eben dieser der Second Engineer war. Matthew ist immer noch aktiv in seinem Studio in Boston, von Kristen hat man leider lange nichts mehr gehört. Aber wenigstens richtete vor einiger Zeit ein offenbar mit den beiden persönlich Bekannter auf seiner MySpace-Seite Grüße an sie aus, sie ist also noch da. Ihr »eigenes« Myspace-Profil scheint ein Fake zu sein.

Musikalisch gesehen ist ihre einzige Platte, auf der obiges Stück nicht mal enthalten ist, eine kleine Offenbarung, die ich in die späte Grunge-Zeit einordnen würde. Einflüsse der Neunziger wie Hole und natürlich Nirvana lassen sich vermuten, dennoch bleibt alles etwas eigen, etwas sanfter, etwas mehr Kristen. Schade, dass ich das 1996 bei Virgin erschienene Album nicht damals schon entdeckt habe.

Aber es war eben auch ein anderer Lebensabschnitt. So entdecke ich hinterher, was die Musik meiner Jugend hätte gewesen sein können. Wer weiß, ob und was Kristen Ellard (geborene Barry) musikalisch so macht kann sich gerne kommentierend melden.

Wissen, glauben, durchpfuschen

Geschrieben von DrNI am Montag, 21. Dezember 2009 um 11:31 in Rock'n'Roll Backsides
Nach Gigs höre ich normalerweise keine Musik. Am liebsten wäre es mir, wenn die ganze Location danach in einer tiefen Stille versinken würde. Wenn man gerade dreißig Songs gespielt hat, dann ist kein Platz mehr für Musik im Kopf. Auch im Auto gibt es keine Musik in dieser Nacht. Später werde ich erfahren, dass es auf der Alb bis minus dreißig hatte. Auch im Krabbengäu – immerhin ein paar hundert vertikale Meter näher am Meer – da reicht die Heizung meiner Karre auch nicht mehr aus, um den Innenraum wirklich warm werden zu lassen. Alles ist eingefroren und neben mir friert die J. auf dem Beifahrersitz.

In der Kneipe war es warm aber verraucht. Ein paar hatten ihren Besuch freundlicherweise schon abgemeldet. Unberechenbares Wetter, so begründeten sie und recht hatten sie. Doch dann wird es doch noch gerade so voll, dass man von voll gerade noch so sprechen kann. Für so wenig Leute läuft es gut an. Wie so oft, wenn sie mitklatschen, muss man sich besonders konzentrieren, auf den Perkussionisten zu hören. Der ist nämlich der einzige im Saal, der den Takt richtig »klatscht«. Das erste Set läuft etwas zu routiniert aber dennoch gut durch. Dann im zweiten schlagen mir am Bass die letzten zwei Wochen voller Stress auf die Finger, ich liefere ein paar üble Abkacker. Und als Bassist kann man keine Pause machen, man muss sich durchpfuschen, von wissen wie der Song geht rutscht es ab in ein Glauben, und dann am Ende kommt ein näherungsweises Bescheißen. Am besten kaschiert man es in einem Walking Bass, bei dem man halt versucht, immer auf die nächste Eins keinen falschen Ton zu setzen.

Deswegen geht man auf Sessions, da lernt man das in der Musik, was unsere Elite in der Politik schon immer konnte: Ohne Ahnung gut klingen und dabei unschuldig aussehen. Es wirkt, das Publikum verlangt nach einer Zugabe und einige verabschieden sich danach persönlich mit positivem Feedback und guten Wünschen.

Doch in Wirklichkeit hasst man es natürlich, wenn es einen im Gig erwischt, wo man die Songs ja kennt. Als Mensch gibt man sich ja gerne dem Gefühl hin, alles unter Kontrolle zu haben. Nichts scheint mehr zum Verzweifeln als wenn man nicht sein Leben lebt sondern von seinem Leben gelebt wird. Der Mensch sitzt im Sattel und reißt dem Gaul seines Daseins an den Zügeln oder gibt ihm die Sporen. So ist das. Und wenn der Gaul durchgeht, dann wird es uns Angst und Bange. So in etwa das Gefühl, wenn man den Basslauf seines eigenen Songs irgendwie gerade verplant hat, obwohl man den sonst morgens um fünf – also zu einer völlig illegalen Uhrzeit – noch im Schlaf könnte.

Erst nach längerem Ausschlafen fällt mir dann auf, dass ich nun schon zum dritten Mal nach nächtlichem Musizieren eine Dame durch die Gegend kutschiert habe. So langsam wird es zur Routine. Noch immer ungewohnt ist danach die Leere auf der Matratze. Ich gehe mit dem Gedanken schwanger, Gitarre spielen zu lernen. Rein aus akquisetechnischen Gründen.

Cockles and Muscles, alive, alive, oh!

Geschrieben von DrNI am Samstag, 5. Dezember 2009 um 15:19 in Rock'n'Roll Backsides
»Wir haben 60 Kilo Muscheln gekauft,« so empfängt uns der Präsident der Biker. Es ist Freitag, zwei von vier Mitgliedern der Kapelle stecken noch im Stau, der Aufbau verläuft deswegen etwas chaotisch aber wie immer problemlos. Die Akustik spricht gegen sich, ich rudere an den Summen-EQs herum. Wir sind nicht die einzigen Muschelesser an diesem Abend, aber es ist ja genug für alle da. Im Sud ist irgendwie auch Curry drin. Mit der neuen bunten Lichtanlage sieht man das ja netterweise nicht, wenn der Bassist gelbe Finger hat. Die Show läuft recht schleppend an, obwohl man sich an Muscheln ja nicht gerade vollfressen kann. Irgendwie unterhalten die Leute sich fast lauter als die Anlage, die eh schon laut ist an diesem Abend. Aber naja, es sind halt doch Biker, auch wenn die meisten mit dem Auto da sind: Mit Smoke on the Water und Locomotive Breath kriegt man sie dann doch noch rum. Sie wollen zwei Zugaben und wir liefern nochmal geil ab. Vor dem Abbau gibt es erst mal und noch mal für jeden zwei riesige Schüsseln Muscheln.

Als wir gegen drei Uhr alles verstaut haben und uns auf den Weg machen sind immer noch Muscheln da. Und es geht eben doch – sich an Muscheln vollfressen.

Die Erkenntnis des Tages

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 1. Dezember 2009 um 23:20 in d.E.d.T., Musizieren
Musik machen ist wie Informatik studieren: Der Frauenanteil ist eine Katastrophe und die Langhaarigen reden immer nur über technische Geräte.

Surreal wie so oft

Geschrieben von DrNI am Samstag, 28. November 2009 um 16:27 in Rock'n'Roll Backsides
Noch etwa anderthalb Stunden bis zum Aufbau. Es fühlt sich wie so oft noch nicht real an. Ich schütte mir Kaffee rein und höre lautstark die …auf Dr Stroß von Schwoißfuaß. Real wird es in der Regel irgendwo innerhalb der ersten zwei Songs.

Heute Abend, 21 Uhr im Tübinger Hades: Delta B.

Proberaumsofa

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 24. November 2009 um 22:05 in Rock'n'Roll Backsides
Das unsägliche Geräusche einer Kreissäge mit der jemand Brennholz sägt. So geht das schon seit drei Stunden, doch seit den letzten fünf Minuten davon liege ich auf dem Proberaumsofa und versuche zu schlafen. Es ist mollig warm, ich habe ein Kissen und ich muss schlafen, dringend. Ich huste wie ein Kettenraucher und schlapp bin ich auch und in einer Stunde müssen wir los zum Gig. Ich muss schlafen. Die Säge hört nicht auf. Ich versuche es trotzdem und schließe die Augen. Das akustische Bild wird detaillierter: Ab und zu bollert der Ofen, leise seine Holzbriketts verdauend. Mit einem tiefen Summen läuft die externe Festplatte, auf die der Klapprechner zehnkanaliges Grundrauschen der Vorverstärker speichert. Testlauf für den Live-Mitschnitt. In kurzen, regelmäßigen Abständen das Tickern des Kopfes der Platte, wenn wieder ein Schwung neuen digitalisierten Rauschens seinen Weg auf den Datenträger findet. Ganz leise brummt und rauscht dazu die Anlage im Proberaum. Nebenan dreht sich der hals­beschmerzte Sänger kreissägen­nervengesägt auf seiner Matratze um.

Ich vergrabe mich in dem plötzlich zu kleinen Kissen und denke an Geborgenheit, doch zu spät bemerke ich, dass in dem Gedankengang eine Person vorherrscht, bei der es keine Geborgenheit mehr zu holen gibt. Beziehungsende­nervengesägt drehe ich mich auf dem Sofa um. Dann ist es auf einmal dunkel und der Gitarrist steht in der Tür. Wohl doch geschlafen, irgendwie. Niemand fühlt sich fitter. Später werden drei Viertel der Band auf der Bühne nur Kräutertee trinken. Und das ist Rock'n'Roll? Jedenfalls ist das besser als kurzfristig absagen, das ist nämlich definitiv nicht Rock'n'Roll.

Am nächsten Tag ist große Bettlägrigkeit angesagt. Eine Woche auskurieren bis zum nächsten Gig.

Die Erkenntnis des Tages

Geschrieben von DrNI am Montag, 16. November 2009 um 09:04 in d.E.d.T., Musizieren
Aus einem Kommentar meinerseits bei Karan entstandene Erkenntnis: Wissenschaft ist wie das Spielen von Musik aus einem wenig bekannten Genre. Kaum einer versteht, was man damit bezwecken will und wozu es am Ende gut sein könnte. Reich wird man auch nicht damit. Man hat Gigs Vorträge vor einem sehr kleinen Publikum. Die Definition von Erfolg ist von der Höhe des Einkommens unabhängig.

Erfolg ist, wenn man es gut gemacht hat und es (deswegen) funktioniert hat.