Eierkontrollgriff
Geschrieben von DrNI
am Mittwoch, 25. August 2010
um 09:29
in Direktsaft
Einen Artikel in der taz nehme ich hier zum Anlass, meine Erinnerung an zwei Mal Musterung zur Bundeswehr festzuhalten.
Endlich frei: Foto aus dem Urlaub nach dem Zivildienst, auf dem Weg zum Anleger nach Ameland, Niederlande.
Nach und durch Stuttgart gegurkt. Mit den öffentlichen. Und dann bin ich da, in diesem großen Gebäude, folge der Beschilderung. Die Treppe runter zur Anmeldung. Ein Vorzeigesoldat steht stramm herum. Blond, blaue Augen, groß. Ich drehe und wende das Wort Arier in meinem Kopf ein paar mal. Dann Anmeldung, irgendwelche Formalitäten, und Warten. Die Formalitätsbediensteten behandeln einen herablassend. Was will denn der Langhaarige da, der taugt doch eh nix. Denke ich, dass sie denken. Man wird von Station zu Station geschickt. In den Becher pissen. Hörtest, Sehtest, ach und Drogen, wie halten sie es damit? Dann zum Doc. Ausziehen. Alles bis auf die Unterhose. Griesgrämige Arzthelferinnen, oder viel eher Musterungshelferinnen. Probleme mit den Knien? Gut, dann machen sie mal Situps anstatt Kniebeugen. Puls und Blutdruck und so. Vorher, hinterher. Der Eierkontrollgriff, und jetzt mal Husten bitte und ah was ist denn das? Dicke Eier? Ja, Leistenbruch, sieht man doch, meine ich. Am Ende führt es dazu, dass ich vertröstet werde.
Ein Jahr später kommt der neue Bescheid. Wieder zur Musterung. Sie hoffen wohl, dass ich den Leistenbruch habe reparieren lassen und deswegen tauglicher bin als zuvor. Nach und durch Stuttgart, ich kenne mich aus. Doch dann eine Veränderung: Die Anmeldung ist oben. Eine lange Schlange. Der Arier ist nicht da. Stattdessen komme ich gerade dazu, wie der Typ von der Anmeldung einen türkischstämmigen Deutschen zusammenscheißt, den sie mitten im Mathe-Studium einziehen wollen. »Gehen sie doch zurück in die Türkei, wenn es ihnen nicht passt!« Dann ist wieder Treppe runter und Warten. Ein Propagandavideo in der Endlosschleife zeigt blonde Jungs, die Spaß beim Panzerfahren haben. Nach dem ich es zwei Mal gesehen habe, regt es mich richtig auf: Fahrbare Waffen sind also Spielzeug? Man kann das Werbefernsehding auch nicht ausschalten. Ich fange an, aus den herumliegenden Zeitschriften die Fotos zu Berichten über Kriege auszureißen und an die Pinnwand im Wartebereich zu hängen. Soldaten, die Leichen hinter Autos herschleifen. Tote Kinder. Krieg eben. Das, wofür man eine Armee braucht.
Nach viel Warten wieder beim Doc. Der fragt mich erst mal, ob er sich SCSI-Festplatten kaufen soll und ein RAID-System. Ich berate ihn nach bestem Wissen und Gewissen. Keine Ahnung, woher der nun wieder wusste, dass ich mich mit Computern auskenne. Vielleicht hatte er nur geraten? Ich bin amüsiert aber es ist mir zugleich unheimlich. Der Rest ist der gleiche, der Doc will mir an die Eier. Am Schluss werde ich T3, also Tauglichkeitsstufe 3. Und damit tauglich. Nach Ende meines Zivildiensts werden alle mit T3 ausgemustert werden. Eine Gnade der späten Geburt?
Dann kommt ein neues Zimmerchen, das zuvor nicht kam. Weil ich ja jetzt tauglich bin. Und der Typ will mir verschiedene Jobs bei der Bundeswehr andrehen. Ich sage, ich möchte schriftlich verweigern. Er kuckt ganz beleidigt aus der Wäsche. Ja was erwartet der denn von einem langhaarigen Typen? Hat der nicht begriffen, dass diese Typen mit Bundeswehrparka eben genau die sind, die nicht zum Militär wollen?
Wenn ich heute meine schriftliche Verweigerung lese, dann könnte ich heulen und lachen. So einen Bockmist habe ich mein Leben lang nicht mehr geschrieben. Aber es hat funktioniert. Warum nicht einfach ein Formular zum Ankreuzen? Es sind ja nur zwei Möglichkeiten. Und da wäre noch so ein Detail. Der Gleich(un)berechtigung zuliebe sollten auch Frauen zum Wehrdienst müssen. Wenn wir dann noch einen ›Winter- und Sommerdienst‹ einführen würden, dann wäre das Problem der Ziviknappheit durch Verkürzung der Dienstzeit auf sechs Monate auch wieder ausgeglichen. Das Prozedere mit dem Eierkontrollgriff müssen wir dann halt nochmal überarbeiten.
Von meinen elf Monaten Zivildienst war ich einen ganzen Monat lang krank geschrieben. Ich hatte den Leistenbruch reparieren lassen.






