Windpark Himmelberg im Sturm

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 28. Februar 2010 um 16:25 in Direktsaft
Gegen den Wind lehnend vorwärts Schritt für Schritt, die tränenden Augen mehr geschlossen als geöffnet, die Mütze gut festhalten, das dem Wind zugewandte Ohr zuhalten. Um mich das Brausen und Tosen vom wenig barmherzigen Griff des Sturms in jede Falte meiner Kleidung, weiter weg überwältigt das Rauschen der Rotorblätter, noch stärker wird der Wind und drückt die Luft in Böen die Lungen. Dazu blendender Sonnenschein und Schneereste auf 820 Meter über dem Meer.

Die Technik hat sich im Griff, die drei Kraftwerke laufen ruhig als wenn nichts wäre.

Schnüffler und Drücker

Geschrieben von DrNI am Montag, 22. Februar 2010 um 09:01 in Direktsaft
Auf der flinken Flasche von Uhu steht nun werbewirksam:
»Drücken jetzt kinderleicht«
Vom Klebstoffschnüffler zum Junkie? Drücken, kinderleicht!

Das Letz machte Hatschi.

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 18. Februar 2010 um 09:22 in Direktsaft
»Ja wie war's denn am Samstag bei der Lesung?« Das fragen mich meine Freunde – also die Halunken, die nicht anwesend waren – und detailliert lege ich dann dar, wie sich so eine Gefühlslage auf einer Lesebühne von der einer Rock'n'Roll-Bühne unterscheidet. Kurz gefasst: Eigentlich nicht so sehr. Das Lampenfieber kommt im zweiten Song oder Text richtig. Vorher fragt man sich, ob Leute kommen und hinterher fragt man sich, ob man gut oder schlecht oder irgendwo in der Mitte war. Der maßgebliche Unterschied ist, dass man dauernd auf sein Blatt kuckt und deswegen die Reaktionen des Publikums schlechter bewerten kann. Aber vielleicht kann man das ja üben, so eine Art Read-Ahead-Strategie.

Die werbewirksame Zusammenfassung des Abends: Ganz schön viel Spaß für die fünf Euro Eintritt. Für das Publikum dürfte sich die Veranstaltung sicherlich gelohnt haben. Es war rappelvoll. Und Inhalt und so und was ging da? Keine Ahnung, ich hab ja nur was vorgelesen, was kümmert mich da Inhalt. Klickt mal rein bei Eldersign und Dia-Blog. Einige mehr Links gibt es unter Rückblicke auf der Seite von das Letz niest.

Interessant auch die vom geschätzten Pädagogen S. gedächtnis­protokollierten und feingranular beobachteten Publikums­reaktionen, die sich zum Teil mit der Kritik bestimmter Personen in bestimmten Blogs und Tweets decken. Hier meine überspitzte Zusammen­fassung: Lustig ist gut. Wenn es um traurige oder womöglich gar nachdenkliche Themen geht, wird es für viele öde. Und wenn man böse Wörter benutzt sinkt automatisch das Niveau.

Fazit des Abends: Ich sag Fickscheisse auch auf der Bühne, ich darf das.

Erwachsen werden – oder auch nicht

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 2. Februar 2010 um 21:50 in Direktsaft
»Erwachsen werden heißt, sich über seine Erziehung hinwegzusetzen.« Dass das ausgerechnet mein Vater sagen musste, ist eine andere Geschichte. Die Richtigkeit bleibt davon unberührt. Erwachsen werden heißt aber auch, seine Träume über Bord zu werfen. Vielleicht weigern sich deswegen so viele dagegen. Auch Leute mit fünfzig sagen mir noch, sie möchten nie erwachsen werden. Dafür muss man sich in Kolumnen vorwerfen lassen, nicht erwachsen werden zu wollen. Berufsjugendliche, so heißt ein Schimpfwort.

Gleichzeitig zum Vorwurf der ewigen geistigen Jugend erklingt der spätestens seit Aristoteles schriftlich beklagte Tatbestand des Schlechtseins. Die Jugend ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher! Rebellen seien sie gewesen, schreiben vermutlich kinderlose Kolumnisten, denen die Jugend zu brav ist. Angepasst sei sie, arbeitssam, aus niederen Bücklingen bestehend. Und es stimmt zum Teil ja auch. Punk ist eben doch irgendwie tot.

Vielleicht ist die Verweigerung des Erwachsenwerdens eben genau das: Die letzte Bastion einer Rebellion. Und zwar nicht die vermeintliche Rebellion gegen das ganze Erwachsenendasein. Niemand hat etwas gegen einen Führerschein oder gar eine Führungsposition, auch gegen das Kinderkriegen haben die meisten nichts. Doch was bleibt ist eine verlängerte Jugendphase, an deren Ende eine fertig gebildete Persönlichkeit in eine Arbeitswelt gesteckt wird und sich fragen muss: Was soll denn diese Scheiße jetzt?!

In Wirklichkeit weigert sich niemand gegen das Erwachsenwerden. Die wirkliche Verweigerung gilt dem Verlust der Träume und dem ewigen Warten auf ein besseres Leben, das doch nicht kommen wird, außer man führt es im Jetzt. Vor einigen Jahren besuchte ein Karriereberater unseren Studiengang. Sein prototypischer Lebenslauf verzeichnete bei 31,5 das erste Kind, bei 32,9 das zweite. Bei der Lebensjahreszahl 65 fand sich das Wort Hobbies. Das war der Punkt, an dem die Stimmung unter den eh schon genervten Kommilitonen vollends einfror.

Mit Fünfzehn sagte ich: Ich lebe jetzt. Mit Dreißig werde ich sagen: Ich will jetzt leben. Die Furcht, genau das zu oft nicht tun zu können ist die Art von Erwachsenwerden, die ich lebenslänglich zu vermeiden gedenke.

Pussy

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 24. Januar 2010 um 19:34 in Direktsaft, Tübingen
Winterabends, also Nachts, es ist kalt, Vater und der der knapp noch präpubertäre Sohn kommen aus dem X und trapsen zu ihren Fahrrädern.

Sagt der Vater: »Wenn wir jetzt das Auto da hätten, dann wäre es schön warm und wir müssten nicht frieren.«
Entgegnet der Sohn: »Pah, ich bin halt keine so Pussy wie du!«

Daneben stehend muss mich wirklich beherrschen, nicht lauthals loszulachen.


Für Ortsfremde: Das X ist der Imbiss überhaupt in Tübingen, der seit über 30 Jahren dem Zahn der Zeit trotzt und stets bis nachts um eins mit Fritten, Burgern und Currywurst für alle Leute da ist.

Mutscheltag

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 7. Januar 2010 um 15:59 in Direktsaft
In der Bäckerei soeben festgestellt: Heute ist Mutscheltag! Die Mutschel ist sicherlich eines der leckersten Gewächse unserer kleinen Region. Da schaut selbst der akademische Tübinger anerkennend rüber ins industrielle Reutlingen, denn da kommt sie schließlich her.

Das Letz niest. Und auf die Zwei.

Geschrieben von DrNI am Montag, 4. Januar 2010 um 11:04 in Direktsaft, Tübingen
Hier nun mal zwei Ankündigungen in eigener und fremder Sache. Zunächst einmal: Am 13. Februar, das ist ein Samstag, lese ich zusammen mit anderen im Club Voltaire. 20 Uhr geht's los, kostet fünf Öcken. Aus Gsallbahdr gibt es ein kleines BestOf der Beobachtungen aus dem Alltag, genaueres muss ich mir noch zurechtlegen. Sehr gespannt bin ich auf die Bloggerkollegen. Deren treibendes Unwesen wird ganz nett charakterisiert auf der Website der Veranstaltung, besser könnte ich es keinesfalls beschreiben. Hier noch ein hübscher Flyer:


Aufmerksame Leser haben nun schon bemerkt, dass auf der Website von Das Letz niest mein Umzug nach zwei.drni.de angedroht wird. Diese Drohung kann ich hier nur bekräftigen. Der Plan zählt zu den ausnahmsweise freiwilligen Änderungen in der Peripherie meines Daseins. Umsetzung folgt.

Mit einer Tautologie zu Christus – oder sonst wo hin?

Geschrieben von DrNI am Montag, 23. November 2009 um 19:00 in Computational Linguistics, Direktsaft
Ich habe endlich die Fotos von meinem Handy heruntergeladen. Da ich das Handy immer dabei habe sind auch einige sprachlich interessante Botschaften fotografisch dokumentiert worden. Zunächst ein Plakat, das den Betrachter auf den richtigen Weg bringen möchte:


»Christ? Weil… es zum Umsteigen nie zu spät ist!«

Nehmen wir mal an, der begründende Satz »Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist« wäre immer oder wenigstens meistens wahr, was die meisten von uns wohl bekräftigen dürften, dann könnte man aus diesem Satz alles folgern:

»Muslim? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.«
»Agnostiker? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.«
»Vegetarier? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.«

Dieses Muster könnte man beliebig fortsetzen. Außer vielleicht, wenn sofort klar ist, dass ein Umstieg sehr schwer bis unmöglich ist. Nicht alle Daseinsformen hängen vom freien Willen alleine ab, manchmal braucht man auch gewisse formale oder biologische Voraussetzungen:

»Professor? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.«
»Frau? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.« (Für Männer)
»Homosexuell? Weil es zum Umsteigen nie zu spät ist.«

Es ist jedenfalls keine gute Idee, eine so offensichtlich logisch anfällige Werbeaussage auf einem Plakat in einem von Linguisten bevölkerten Unigebäude anzubringen. Abgesehen davon darf man sich natürlich fragen, warum christliche Organisationen Werbung machen (dürfen) und die anderer Glaubensgruppen nicht. Siehe auch Atheist Bus Campaign.


Die Hörnchen auf dem Kopf der Dame wurden wohl in ähnlicher Verwunderung von jemand anderem angebracht, sie sind jedenfalls nicht original.

Samstags im Baumarkt

Geschrieben von DrNI am Samstag, 14. November 2009 um 14:02 in Direktsaft
Der Baumarkt, ehedem eine Männerdomäne und Heimat schlecht sitzender, gips- und farbenverschmierter Arbeitskleidung, wandelt sich. Zunehmend schlüpft eine andere Bevölkerungsgruppe in die Hauptrolle in dieser Heimwerkershow. Hat man den Samstagsterror auf dem Parkplatz hinter sich gelassen, so umfängt einen die große Halle und ihr flanieren – das Schlimmste für jeden frisch Entliebten – junge Paare. Da tröstet es nur wenig, dass nicht wenige der jungen Paare gerade auf den ersten größeren Konfliktherd ihres gemeinsamen Daseins zusteuern: Die Einrichtung der symbiotisch genutzten Behausung. Kurzum: Hornbach und Ikea lassen ihre Kundengruppe homogenisieren.

Doch die Geschlechterdifferenzen kommen auf dem Rückweg zu Tage. Frau hat eine ziemlich hässliche Arbeitsplatte für die Küche ausgesucht. Mann hatte dabei nichts zu sagen, denn Ästhetik existiert für ihn nur bei Autos, nicht aber in Wohnungen. Er soll dieses ellenlange Monstrum nun in die neue Familienkutsche einladen. Sie würde jedenfalls Familienkutsche heißen, hätten sie vor lauter Streiten und Einrichten mal dazu gefunden, mit Liebe Nachwuchs zu produzieren. So ist es halt ein Schmalspur-SUV geworden, kompakt, wendig, straßentauglich genug für das Outback und vor allem viel zu klein für die monströse Arbeitsplatte. Man kann sich wirklich vorstellen, wie er vor dem Regal stehend gesagt haben könnte: »Die krieg ich rein, kein Problem!« Das sind Momente, in denen Frauen ihre Schwäche im Augenmaß und im räumlichen Sehen viel zu ernst nehmen und lieber dem Mann vertrauen. »Nie im Leben!« hätte die Antwort heißen müssen.

Nun stehen sie da, auf dem Parkplatz, und der Anfang vom Ende rollt langsam auf sie zu. Ich lege meinen rahmenlosen Bilderrahmen vorsichtig in den Kofferraum und freue mich auf die wenigstens langsam voranrollende Neugestaltung meines neuen Singlezimmers.

Alte Visionen

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 8. November 2009 um 14:49 in Direktsaft
Gefunden beim Durchstöbern alter Datenträger: DrNI sagt in der Schülerzeitung der Schrei vor ziemlich genau neun Jahren folgendes voraus:
»Freundet euch vielleicht mit dem Gedanke an, daß eure Mirkowelle in ein paar Jahren Kochrezepte vorliest oder die Kaffeemaschine per Handy schon vor der Hohlstunde vom Klassenzimmer aus aktiviert werden kann.«
Na dann wollen wir mal sehen, wann diese Vorhersage letztendlich real werden wird.