Love Handles

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 4. Oktober 2009 um 19:27 in Unreine Fiktion
Das erste deutliche Eindringen einer Frau in eine Männerdomäne hatte er vermutlich beobachtet als damals die eine in ihre Latzhosen stieg und in seinem Bulli davondüste und nie wieder gesehen war. Ob sie den wackeligen Zündverteiler selbst wieder geflickt hatte und wie weit sie gekommen war, das blieben unbeantwortete Fragen. Die Jahre zogen in die Länder, andere kamen und gingen in ihren Latzhosen, Women's Laboration breitete sich aus, seine Töchter wollten die Pille, er kaufte und verkaufte weiterhin seine Gitarren und Verstärker und flog durch die Bands der kleinen Stadt.

Dann reinkarnierte das eindringliche Eindringen in eine Männerdomäne. Eine Bassistin, und singen konnte sie auch, sogar noch besser als bassen. Noch etwas schüchtern, ein junges Ding. Schon nach kurzer Zeit boten ihre Love Handles nicht mehr genug Halt und so schob er sie regelrecht quer durch seine Gemächer. Dazu das Original von LP, der Immigrant Song von Led Zep. Ein Refrain, ein Schrei, wir kommen! Im Abspann die Totalentspannung zu Since I've been loving you, er nickt zwischendurch mal ein, sie versucht sich mit seinem Lieblingshemd von seinem Saft zu befreien, das muffelige Ding muss eh in die Wäsche. Sie kommen wieder runter, er fühlt sich so jung wie sie ist und sie schaut so alt aus der noch nicht mal komplett ausgezogenen Wäsche wie er ist.

Dann stieg sie in ihre Hosen, schnappte sich seinen Bass und ihren Koffer und ein Flugzeug und nahm ihre Liebe und eine Erfahrung mehr mit in die Ferne. Vor der Waschmaschine sitzend, sein Hemd rotieren sehend, überlegt er nun, was sich wohl geändert haben mag seit damals.

Ein alter Mann erinnert sich

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 24. Januar 2008 um 09:48 in Unreine Fiktion
Ja, damals, die Nullerjahre, ich weiß noch … Niemand wusste, wie man dieses Jahrzehnt überhaupt nenne sollte. Glorreiche Jahrzehnte der Vergangenheit saßen uns noch in den Ohren, so Ausdrücke wie die wilden Siebziger. Jedenfalls sage ich nun mal Nuller dazu. Musikalisch fingen die Nuller quasi als Waisenkinder an. Von der Musik der Neunziger war nicht zu viel übrig geblieben. Techno war irgendwann tot und fing an zu verwesen. Im Irrtum, schon alles gesehen zu haben, stürzten wir uns in den Pop. Alles, was irgendwie cool sein sollte, all das nannten wir nun Pop. Dabei sollte es natürlich möglichst Mainstream, möglichst öde, möglichst leicht konsumierbar sein. Sklaven waren wir geworden, Sklaven des Kapitals. Qualität wurde fast ausschließlich über den Preis definiert. Und da alles gleich geworden war, alle Stars, Superstars, Sternchen, Musiker, Schauspieler, Pornos, Autos, Mobiltelefone, Computer, Fernseher und was wir noch so zu lieben fähig waren, sahen wir unser Heil im Durchschnittlichen. Im Spiegelbild unserer selbst, in der Langeweile, in der Verdrängung jeglicher Besonderheit.


Wir waren alle Weicheier geworden, damals in den Nullern. Eine Meinung hatten wir gelegentlich, traten aber nicht für sie ein. We didn't have the balls for it, wie der Amerikaner sagen würde. Den mochten wir zwar nicht so, das machte unserer Volksvertretung, die hauptsächlich das Kapital vertrat, irgendwie nichts aus. Und wir fanden das auch ganz in Ordnung, außerdem hatten die ja recht, wenn sie sagten, man müsse unseren Kindern und Jugendlichen mal zeigen wo der Hammer hänge, und man bräuchte härtere Strafen für Schläger, Kiffer, Wichser und Milchtrinker. Da die Bußgelder für das Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit nicht stiegen fanden wir es gut. Was sollten wir auch tun? Es nicht gut zu finden wäre ja irgendwie besonders gewesen, hätte vielleicht sogar Mut gebraucht, wir hatten einfach keine Eier(stöcke) für so eine Scheiße. Und in dieser Lethargie des Normalseins schauten wir einfach weg. Wir wollten nicht mitbekommen, wie die Regierung Stück für Stück unterwandert wurde. Es alarmierte uns auch nicht, dass die Zahl der Terroristen in Deutschland rapide anstieg und wir sahen auch nicht, dass das vor allem daran lag, dass nach einer Grundgesetzänderung nun so gut wie jeder ein Terrorist geworden war.

Heute hat in Deutschland jeder seinen Chip implantiert. In den Neunzigern, damals als man den heute längst gänzlich vergessenen Techno noch konsumierte, da gab es mal einen Film, in dem die Menschen nur noch in so Tanks hingen mit so einem fetten Stöpsel im Hirn und diversen anderen Anschlüssen. Ja heute in Deutschland, das ist so ähnlich. Nur viel schlauer. Der Chip im Kopf macht ihnen dort ihren Alltag und checkt ihre Entscheidungen. Seit Jahrgang 2030 bekommen die sogar gleich eine Giftdrüse mit implantiert, so dass man subversive Elemente einfach mit der Fernbedienung ausknipsen kann. Die Bundesregierung ist in die Zentralbank umgezogen und wurde auf ein ökonomisches Modell umgestellt. Um einem Vorschlag die Mehrheit zu geben investieren die Abgeordneten ihre Meinungspapiere. Die handeln sie auch untereinander. Wenn ein Gesetzesvorhaben durchgeboxt wird, dann erhalten sie eine Meinungsrendite. Der gemeine Bürger hingegen kann es sich nicht leisten, eine Meinung zu haben. Die Meiungspapiere sind einfach zu teuer geworden. Das ist was für die oberen Zehntausend.

Ja so ist das heute. Und ich bin der letzte ohne Chip, dafür mit nicht weniger als 43 Karzinomen in meinem Körper, die von meinem Chemo-Implantat mehr oder weniger in Schach gehalten werden. So ist das eben, hier auf dem Atoll. Keine Regierung, keine Chips im Kopf, dafür die erhöhte Hintergrundstrahlung von der Bombe. Die angeblich eine Drohgebärde von Al Kaida war.

Heute ist diese verseuchte Einöde hier der letzte freie Fleck Erde.

Die booleschen Alpha-Schwänzchen

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 30. Dezember 2007 um 13:46 in Unreine Fiktion
(Liebe Damen: Anbei eine nahezu vollständige Erklärung des männlichen Wesens, ein Auszug aus der neuen Buchreihe von Frau Herrman mit dem schönen Titel Genital Daneben.)

Man trifft ja eine Menge Leute in seinem Leben. Da gibt es zum Beispiel einen, der immer nur Bullshit absondert und dabei sagt, Männer seien die rationalen Wesen und bei Frauen herrsche immer das Chaos. Männer seien mathematisch berechenbar, Frauen seien einfach willkürlich. Und er hat Recht. In gewisser Weise. Männer sind berechenbar. Die Damen der Schöpfung, unsere Sophisticats ohne die wir nicht sein wollen oder können (selbst der gewöhnliche Schwule braucht die ungefährliche beste Freundin), sind zwar nicht unberechenbar, folgen aber nicht dem simplen booleschen Modell des Mannes. Bukowski weiß es, er schreibt ja permanent irgendwie darüber, zumindest in der Anthologie Fuck Machine, Knorkator wissen es mit ihrem Lied Schwanzlich willkommen. Politiker wissen es seit je her. Und vielen alten Fürsten war die liebste Matratze die Mätresse. Kurzum, das männliche Modell unterscheidet einfach in

fickbar
ODER
NICHT fickbar

Nun ist es ja zu Recht von Feministinnen betrauert, dass die Führungskräfte Deutschlands und eigentlich der ganzen Welt doch meistens Männer sind. Und – wie wir ja nun wissen – folgen Männer einem einfachen Modell. Böse Zungen mögen nun sagen, dies sei der Grund, warum unsere Politik die wahren Probleme einfach nicht in den Griff bekomme. Noch bösere Zungen mögen behaupten, Mann sei ich dessen irgendwie durchaus bewusst und unterdrücke deswegen die Frauen nach Kräften. Denn wenn sie erst mal dran sind, dann wird sich zeigen müssen, ob die geniale Lösung immer die einfache Lösung ist. Vielleicht ist die genitale Lösung nicht die geniale Lösung.

Durch die Überzahl der männlichen Führungskräfte ist und bleibt unsere Welt eine schwanzgesteuerte. Abhilfe schafft die Emanzipation der weiblichen Lust. Gemeinsam können wir es schaffen! Möge die Welt eine muschigesteuerte sein! Und weil wir alle zivilisiert sind erlauben wir es beiden Geschlechtern und stellen um auf genitalkontrollierte Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger.

Der Traum alle Männer: Gleichberechtigt ein schönes, angstfreies Leben führen. Ist die einfache Lösung nicht doch die genialere?

Nummer 54

Geschrieben von DrNI am Freitag, 9. November 2007 um 19:06 in Tübingen, Unreine Fiktion
Zoom

Die unglaublichen Abenteuer des Herrn Rasdavon (3)

Geschrieben von DrNI am Montag, 5. November 2007 um 23:16 in Unreine Fiktion
[ Teil 1 | Teil 2 ]
Nach dem viel zu frühen Anruf von Frau Locke machten sich Schlafmangel und Erschöpfung bei Herr Rasdavon noch einmal breit und ließen ihn, wenn auch nur kurz, in tiefen Schlaf fallen. Als er erwachte galt sein erster Gedanke der Uhr und er bemerkte, daß ein verspätetes Erscheinen zum Dienst drohte. Das waren weder seine Kollegen noch er gewohnt und so sprang er aus dem Bett, mit einem Satz war er an der Kommode und öffnete die Schublade mit der Unterwäsche.

Der Anblick zweier Stapel Schiesser Feinripp und zweier weiterer Stapel schwarzer Boxershorts ließen sein Hirn schockgefrieren. Auf einmal war alles wieder da, der Samstag morgen in Frau Lockes Bett, Herr Stantepede, die tiefe Krise, im Finanzamt eine Mitwisserin seines anderen Lebens zu haben und letztendlich - und das war das einzig etwas Beruhigende - die Tatsache, daß sie und er beschlossen hatten, an diesem Montag nicht arbeiten zu können.

Am Samstag war er das erste mal nicht als Finanzbeamter sondern als Freizeit-Rebell erwacht. An diesem Montag war wieder nicht erwacht wie gewöhnlich: Er war zwischen zwei Leben in den Tag katapultiert worden. Zum ersten Mal war es nicht sonnenklar, daß er sich gleich gepflegt in seine Beamtenschale werfen würde. Er konnte sich nicht entscheiden, was er anziehen sollte. Zwar hatte er im vergleich zu Frau Locke, die andernorts wieder schlummerte, weit weniger Auswahl an Kleidungsstücken, aber dennoch war es die Wahl zwischen zwei Lebensformen: Der des Finanzbeamten und der des Rebellen. Als vorübergehende Lösung fand sich in der hinteren Ecke des Kleiderschranks sein alter Jogginganzug, den er schon lange nicht mehr benutzt hatte. Aber immerhin war diese Kombination weder das eine noch das andere und so hatte er das Dilemma zunächst umgehen können.

Herr Rasdavon kochte sich Kaffee, setzte sich auf die Eckbank und versuchte nachzudenken. Tausend Dinge passierten. Er drehte sich eine konische Kippe, legte dann aber nicht die Beine auf den Tisch. Er stand wieder auf, schaltete die Stereo-Anlage an und hörte ein paar Minuten einen Oldie-Sender, dann schaltete er wieder aus und setzte sich wieder hin. Er griff zum Telefon und wußte nicht, wen er anrufen sollte. Eine Weile lang starrte er an die Decke, dann zur Balkontür hinaus, dann auf die Tischplatte. Er ertappte sich dabei, wie er auf seine Hände starrte, die für einen gestandenen Biker doch irgendwie zu gepflegt und zu weich waren. Er dachte an Frau Locke und fragte sich, ob er wohl zärtlich gewesen war oder ob sie nur hart am abgehen gewesen waren. Er wußte es nicht, aber die Schmetterlinge fingen schon wieder an, zu Hubschraubern zu werden, und das brachte seine Gedanken in eine andere Richtung.

Vielleicht sollte er Frau Locke anrufen. Man soll ja miteinander reden, über seine Gefühle und so. Er konnte sich nicht entscheiden, nahm erneut das Telefon, legte es wieder weg. Was aber, wenn das doch nur für eine Nacht war? »Meine zweite Identität, verschenkt für eine Nacht«, schoß es ihm durch den Kopf. Schließlich konnte es ja auch sein, daß sie gar nicht reden wollte. Vielleicht wollte sie mehr das eine, oder auch das andere, bevorzugte aber zum Reden ihre beste Freundin. Er wußte es nicht. Um so mehr er darüber nachdachte, um so weniger wußte er, und um so mehr fühlte er. Er bemerkte wie wenig er sie kannte. Er wußte nur, sie spielte elektrische Gitarre und mochte auch Musik der härteren Gangart, hieß Petra Locke und war ledig. Und dennoch fühlte er. Es war fast unheimlich.

Er ging durch den kleinen Garten vor dem Balkon zu seinem kleinen Gewächshaus. Dort wuchsen die besten Tomaten überhaupt, die er hedonistisch-spießig mit bestem Balsamico und dem in kleinen Kästen wachsenden Basilikum und dem Büffelmozarella vom Feinkosthändler zu genießen wußte. In friedlicher Koexistenz mit den Tomaten wuchsen andere grüne Pflanzen, von denen er nun erntete. Leider war ihm das getrocknete Material ausgegangen und so blieb ihm nicht viel anderes als die Schnelltrocknung in der Mikrowelle. Er empfand den Duft als herrlich, der sich alsbald in der Wohnung ausbreitete.

Die nächste konische Kippe hatte richtig Dampf dahinter und Herr Rasdavon schlief mit einem astronomisch breiten Grinsen auf der nicht unbedingt bequemen Eckbank ein.

Gegen fünf Uhr nachmittags klingelte das Telefon und riß Herrn Rasdavon aus seinem traumlosen berauschten Schlaf. Wieder erwachte er nicht als Finanzbeamter und dieses Mal in gar keinem Bett, aber es störte ihn weniger als noch am Morgen. Es klingelte immer noch. Der Anrufbeantworter erbarmte sich und trötete die langweilig-gelangweilte Vorstellung eines Finanzbeamten durch die Leitung. Nach dem Piep war ihre Stimme zu hören.
»Ringo? Bist du da? Ringo, ... geh bitte ran.«
Es folgten zehn unentschlossene Sekunden, dann konnte er sich überwinden und griff zum Hörer.
»Hallo.«, sagte er mit tiefer, verschlafener Stimme.
»Ich will... nein, ich muß dich sehen!«
»Oh-kay«
»Wann?«
»Ich bin unterwegs«, sagte er und legte auf.

Wie selbstverständlich steckte er sich in die Freizeit-Rebellen-Kluft, ließ die Tür lautstark ins Schloß fallen und kickte das Stahlpony an. Mit einem eher zurückhaltenden Kavalierstart raste er davon, der Sonne entgegen, zu Frau Locke, dem angenehmen Teil seines Abenteuers.

Die unglaublichen Abenteuer des Herrn Rasdavon (2)

Geschrieben von DrNI am Montag, 24. September 2007 um 12:36 in Unreine Fiktion
[ Teil 1 ]
Es war kein Montag wie jeder andere im Finanzamt. Herr Rasdavon und Frau Locke hatten sich krank gemeldet. Herr Stantepede war hingegen pflichtbewußt zum Dienst erschienen. Seine Miene war jedoch unvergleichlich sauer, was wohl damit zu tun hatte, daß er seine weibliche Hoffnung am Samstag morgen mit einem anderen im Bett erwischt hatte. Keiner der anderen Mitarbeiter traute sich, Fragen zu stellen. Obwohl Herr Stantepede auch bei Problemen oder Fehlleistungen ruhig und sachlich blieb, spürten sie, daß dieses Mal etwas ganz und gar schief gelaufen war und man ihn besser in Ruhe ließ.

Für Herrn Rasdavon war es der ungewöhnlichste Samstag Morgen seit Beginn seiner Ausbildung gewesen. Das erste mal seit er sich erinnern konnte, war er eines morgens nicht als Finanzbeamter, sondern als Hobby-Outlaw aufgewacht. Die Rückverwandlung mußte gescheitert sein. Doch der Filmriß blieb, und so fand er sich in einer gänzlich überraschenden und ungewohnten Situation. Frau Locke schnarchte immer noch auf seinem eingeschlafenen Arm, und Herr Stantepede war stehenden Fußes abgezogen, nach dem er die beiden durchs Fenster gesehen hatte. Er befreite seinen Arm und Frau Locke wachte auf.

Sie gähnte, blickte sich um, erblickte ihn, und fluchte.
»Scheiße, Rasdavon, was machen sie denn hier?«
»Erm. Nennen sie mich Ringo.«
»Ich dachte, du heißt Florian.«
»Ja, aber alle nennen mich Ringo. Naja fast alle.«
Sie verstand. Natürlich nannte ihn im Finanzamt niemand so. Aber nach Feierabend, wenn er sich offenbar als Freizeit-Rebell betätigte, war er bekannt als Ringo Rasdavon.
»OK, Ringo.«, sagte sie und erblickte nicht weniger als vier benutzte Kondome auf dem Teppich neben dem Bett. »Nun, da wir ja anscheinend gevögelt haben, können wir uns auch duzen.«, schlug sie vor.
Er nickte. »OK, Petra«, murmelte er.
»Wie ist das denn... also wie kommt das denn...?«, wollte er wissen.
»Ich weiß auch nicht so genau«, gestand sie mehr sich als ihm, »aber wir hatten wohl unseren Spaß.«
»Was nun?«, fragte er.
»Erst mal Kaffee«, meinte sie lapidar und stand auf.

Herr Rasdavon und die Frauen. Er hatte es eigentlich aufgegeben. Im Finanzamt gab es zwar die eine oder andere, die er interessant gefunden hätte, aber er mußte ja sein Gesicht als braver Beamter wahren. In kürzester Zeit hätte es sich herumgesprochen, daß er Hobby-Outlaw war und das wollte er um jeden Preis vermeiden. In seinem anderen Leben sah es anderweitig problematisch aus: Die meisten Rockerbräute hatten ein anderes Verständnis von Schönheit als er und außerdem litten ihre Körper meist schon deutlich unter dem Einfluß der Schwerkraft. Es war ihm äußerst rätselhaft, ja eigentlich gänzlich unerklärlich, wie das mit Frau Locke hatte passieren können. Das war nun wirklich wider jeglicher Vernunft. Gedanken an die Kollegen beim Finanzamt schossen ihm durch den Kopf, aber er wischte sie schnell weg. »Nicht jetzt«, dachte er. Noch war Wochenende.

Er stieg in seine Lederhose und folgte dem Geräusch der Kaffeemaschine. Frau Locke schien es nicht für nötig zu halten, sich anzukleiden. Sie lehnte mit dem Rücken an der Küchenzeile und konnte sich nicht zwischen Grinsen, Lachen, Seufzen und Gähnen entscheiden. Er setzte sich auf einen Stuhl und blickte sie an. Sie war attraktiv, zweifelsohne. Viel mehr noch, er fand sie sexy. Es war mehr etwas verspielt-erotisches das ihn anzog als ihr Körper an sich. Er konnte sich nicht genau erinnern, wann er das letzte mal überhaupt eine Frau begehrt hatte. Sicher war er sich jetzt nur in einem: Es konnte kein Zufall gewesen sein, daß das passiert war, was passiert war. Sie war der Hammer. Er wollte sich gar nicht fragen, warum er das in all den Jahren im Finanzamt nicht bemerkt hatte. Sie hingegen schien zu wissen, warum sie ihn in all den Jahren nicht wirklich bemerkt hatte.

»Ich hatte schon gedacht, du wärst einer von diesen Spießern mit Bausparvertrag und Häuschen mit Bierfaß im Schrebergarten«, meinte sie.
»Das mit dem Bausparvertrag stimmt ja auch,« fing er an. Dann verstummte er. Ihm wurde klar, daß es vielleicht nicht ganz sachdienlich war, über Bausparverträge zu reden.
»Nur das mit dem Schrebergarten, das ist bei mir etwas anders«, lenkte er ein, »ich führe lieber das Stahlpony aus.«
Sie grinste. Es entstand eine Pause, sie blickten sich an.
»Irgendwie mag ich dich«, sagte sie.
Er spürte sein Herz kräftig schlagen. Das hatte er schon lange nicht mehr gekannt. Und dann kam da noch ein neues Gefühl hinzu: Eifersucht.
»Was ist mit Stantepede?«, quetschte er heraus.
»Ach der... der läßt nicht locker. Hoffentlich hat er es jetzt kapiert.«

Der weitere Verlauf des Samstags wurde von den beiden als äußerst angenehm empfunden. Obwohl er sich gerade in die größte Krise seines Beamtendaseins gestürzt hatte, fiel Herr Rasdavon am Abend so zufrieden wie schon lange nicht mehr in sein Bett und war dabei nicht einmal stoned oder betrunken.

Das Echo kam massiv am Sonntag Abend, als ihm klar wurde, daß er nicht weitermachen konnte wie bisher. Viel schlimmer noch, ihm wurde klar, daß er das nicht wollte. Verstand und Gemüt kämpften bis spät in die Nacht, und am Montag war an Arbeit nicht zu denken. Das Telefon klingelte zur frühen Morgenstunde.
»Gehst du hin?«, fragte sie
»Nein.«
»Ich auch nicht.«

Im ICE

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 16. September 2007 um 12:43 in Unreine Fiktion
Ein Schwanz im Anzug setzt sich und entert seinen Boss rektal.

Die unglaublichen Abenteuer des Herrn Rasdavon (1)

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 28. August 2007 um 13:27 in Unreine Fiktion
Herr Rasdavon war Hobby-Outlaw. Seine Kollegen kannten ihn als stets zuverlässigen Beamten, der sich nicht nur durch großzügige Spenden an die Kaffeekasse hervortat. Vielmehr war er so gut in seiner Tätigkeit, daß es ihnen fast schon unangenehm war. Ihm war noch nie ein Fehler unterlaufen und er setzte den Maßstab, an dem sich nach Meinung der etwas höheren Tiere jeder zu halten hatte. Sein Äußeres war stets gepflegt. Es hatte einen angebracht-biederen Stil, der jeglichem Publikumsverkehr sofort mitteilte, man habe es hier mit einem seriösen Finanzbeamten zu tun.

Herr Rasdavons Vorgesetzter, ein gewisser Herr Stantepede, war Hobby-Radfahrer. Frau Locke, die Sekretärin, war ungewöhnlich, sie verbrachte ihre Freizeit mit einer elektrischen Gitarre, dem Vorbild von Doro & Warlock nacheifernd. Von Herrn Rasdavons Freizeitbeschäftigungen war den Kollegen im Finanzamt nichts bekannt. Er schien so etwas wie Freizeit weder zu haben noch nötig zu haben.

Doch die Wahrheit war eine andere. Herr Rasdavon war Feierabend-Rebell. Nach Hause gekommen hängte er sein Jackett säuberlich auf, ebenso wie er die anderen Kleider gepflegt verstaute. Dann begann die Verwandlung. Meist stand er vor dem Spiegel, nun nur noch bekleidet mit einer Schiesser Feinripp. Für Feinripp-Unterhosen gab er monatlich eine nicht unbeträchtliche Summe aus. Sie spielten eine initiale Rolle bei der allabendlichen Verwandlung.

Er stand also da, packte die Unterhose mit beiden Händen und riß sie entzwei. Mit einem großen Satz hüpfte er zur Stereoanlage, die er ansonsten nicht benutzte. Meistens war schon eine passende Scheibe im Laufwerk. Black Sabbath langweilten ihn schon fast, Motörhead mochte er lieber, aber auch Korn und Rage against the Machine. Während die Mischung aus Gitarrenriffs und Geräusch seine bescheidene Wohnung durchstürmte kleidete er sich an.

Die übliche Garderobe eines Hobby-Outlaw besteht aus Lederhose, Cowboystiefeln, Lederjacke mit Fransen, Tabakbeutel, und so weiter und so fort. Herr Rasdavon war bestens ausgestattet. Sein besonderes Highlight war der Helm. Ein Integralhelm wäre viel zu spießig gewesen. Er hatte einen Stahlhelm mit Spitz, original aus der Zeit von Wilhelm II. Nach dem Ankleiden pflegte Herr Rasdavon sich einen Jackie Cola einzuschenken, eine konisch geformte Kippe zu drehen und die bestiefelten Beine für ein Viertelstündchen auf den Tisch zu legen.

Die Harley hatte er mit viel gutem Zureden auf seinen Nachbarn angemeldet. Nur so, dachte er, würde die KFZ-Steuer, die er dem Nachbarn selbstverständlich bezahlte, vor den Kollegen im Finanzamt verborgen bleiben.

Nach dem Jackie Cola schwang er sich auf sein Stahlpony und ritt in die Prärie hinaus. Der untergehenden Sonne entgegen. Irgendwo war immer etwas geboten. Am liebsten waren ihm natürlich Konzerte. Wenn da nichts zu holen war, dann begnügte er sich mit einer lauten Rock-Disco oder einer stinkenden Spelunke mit mindestens vier Geldspielautomaten.

Wenn er dann nach Mitternacht nach Hause kam fiel er meist müde und betrunken, gelegentlich auch stoned, gleich nach dem er die Kluft in die Ecke geworfen hatte, steingleich ins Bett, wo er nach meist traumlosem Schlaf als Finanzbeamter wieder erwachte.

Und so wäre das vermutlich weitergegangen bis in alle Tage. Doch es geschah das Unvermeidliche. Er wußte keine Details, nicht mehr. Es war ein Freitag Abend gewesen und die Party war irre. Rock 'n' Roll wie er im Buche steht, selbst Judas Priest und Ozzy Osbourne wären vor Neid bunt angelaufen. Die beste Band seit langem. Dann riß der Film.

Als der Filmvorführer der Biographie von Herrn Rasdavon den Rest des Streifens gefunden und eingelegt hatte, barst Sonnenlicht durch ein Fenster. Es war nicht sein Bett. Ein Nachttischchen, Schublade offenstehend, er erblickte eine Großpackung Kondome. Unter dem altbackenen Schirm der Lampe ein trüber Spiegel und ein 50-Euro-Schein. Seine Zähne drückten und die Nase juckte. Er wollte sich kratzen, aber jemand lag auf seinem Arm. Langsam drehte er den Kopf hinüber und blickte in das augenberingte Gesicht von Frau Locke.

Es klopfte an einer Tür. »Petra!«, rief eine nicht unbekannte Stimme.
»Petra, ich hab Brötchen mitgebracht.«
Sie schnarchte. Das Licht wurde dunkler. Eine Person im Fenster.
»Petra?«
Herr Stantepede stand wie angewurzelt und starrte.

Die Augen fangen an zu leuchten

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 28. Februar 2007 um 10:22 in Unreine Fiktion
»Was für ein beschissener Name«, lallte er. »Hedwig, wie kann man nur Hedwig heißen?« Sie fragte sich, ob sie ihn verfluchen sollte oder ihre Mutter. »Namen sucht man sich meistens nicht aus.«, versuchte sie zu erklären, doch Frank war gerade damit beschäftigt, sich noch ein Bier zu bestellen.

Als die Bedienung das Bier brachte mußte sie seine Hand festhalten, um zu verhindern, daß sie mit einem Patsch auf dem Gesäß der Angestellten landete. »Was soll das?«, wollte er wissen. Hedwig schwieg. »Häh?«, hakte er nach. »Du hast mich angesprochen, nicht...«, begann sie.

Er winkte ab. Wie konnte er einfach abwinken? Sie hatte ihn schon immer gemocht, er war nett gewesen, höflich manchmal sogar. »Hey, was passiert, wenn man bei einer Blondine...«, vernahm sie aus seiner Richtung und hörte nur halb hin.

Etwas war passiert.

Manche Nacht hatte sie von ihm geträumt, von zarter Größe oder auch einfach von belanglosen Dingen. Und nun hatte er sie angesprochen, war betrunken, beschissen fand er ihren Namen. »...die Augen fangen an zu leuchten!«, prustete er. War er immer schon so gewesen? Sie hatte ihn noch nie so betrunken erlebt. War seine Art nur eine Maske, vom Alkohol zeitweilig fortgespült?

»Sag mal träumst Du?« Hedwig nahm einen Schluck von ihrem Getränk. »Ähm, ...«, wollte sie abermals einen Satz beginnen und hielt inne. So konnte das nicht weitergehen.

»Was ist los?«, wollte sie wissen. »Nichts.«, log er, mit einem Mal fast nüchtern wirkend. Die Zeit für eine Wahrheit war gekommen. »Ich habe dich schon immer gemocht...«, fing sie an und wartete auf ein Zeichen. Gespannte Stille. »...und manchmal habe ich von dir geträumt, na du weißt schon.« »Ja?«, fragte er stirnrunzelnd. »Ich... ich mußte auch an dich denken, in den letzten Wochen, viel sogar.«, sagte er zaghaft. Einen Moment schien er ganz der Alte. Sie erbat sich von einem Gott eine Chance. Langsam flüsterte sie: »Kommst Du mit?« Sie machte eine etwas hilflose Geste in Richtung Ausgang.

Er starrte ein paar Augenblicke lang in sein leeres Glas, hob dann den Blick. Sie bemerkte dunkle Ringe unter seinen Augen.

Er nuschelte: »Nein Hedwig, Nein. Es wär dein Tod.«


(Frühes Werk aus dem großen Archiv)

Du mußt raus

Geschrieben von DrNI am Samstag, 23. Dezember 2006 um 14:22 in Unreine Fiktion
Zoom
Das Leben hat seine Geschichte mit blutgetränkter Feder auf das Pergament deines Gesichts geschrieben. Müde, doch die Hoffnung ist nicht gestorben, sie blitzt aus deinen Augen. Ein Diamant in den Tiefen der alltäglichen Untiefen des Seins. Seiner Existenz bist du wohl bewußt, doch die Müdigkeit hat bisweilen gesiegt und dich nicht Hacke und Schaufel schwingen lassen um das Kleinod auszugraben. So geht es immer weiter, und du bist es schon längst gewöhnt, es ist schon längst normal, daß nichts besser wird im Leben.

»Du sagst dein blaues Auge mache dich so sentimental«, singen die Helden. Doch du bist die eine dieser wahren Alltagsheldinnen, jeden Tag stärker als ein Pferd, nur merkst Du es nicht. Es geht ja auch immer gut, immer irgendwie weiter, es ist alles nicht so schlimm, nur hingefallen, aufs Gesicht, es ist nichts weiter. Ziehst an deiner Zigarette, nur kurz nervös der Blick, die Form muß gewahrt werden, die Hülle hilft dir, die letzte Normalität zu wahren.

Die Wahrheit ist: Du mußt raus. Du mußt dich überzeugen, raus zu müssen. Doch der Knast ist nicht aus schwedischen Gardinen gemacht, nein, ganz normale von Ikea sind das, und diese Gardinen sind stärker als Stahl. Du mußt raus.