Back in Business
Geschrieben von DrNI
am Sonntag, 21. Juni 2009
um 22:09
in Rock'n'Roll Backsides
7:43. »Beweisfoto!« schallt es durch das Zimmer und der Gitarrist steht in der Tür und fotografiert mit seinem Handy herum. Zu beweisen gibt es: Sänger und Bassist im Doppelbett. Ich fluche vor mich hin, irgendwie hat das mit dem Wecker nicht geklappt. Schnell Katzenwäsche alle nacheinander, dann begeben wir uns in die gute Stube der gemütlich-rustikalen Pension zum Frühstück. Die Nacht war kurz und ich habe Rückenschmerzen von der Matratze, aber der Kaffee ist gut und die Weckle sind frisch. Eigentlich sollten wir schon aufbauen, aber das Zelt steht noch nicht ganz. Zwischen zwei Bissen von mehreren Sorten Käse fühlen wir uns etwas wie Rockstars: Kostenlos im Hotel übernachten. Nicht mein erstes Mal, aber das erste Mal als Musiker. Dann schleppen wir die PA ins Zelt und zusammen mit den Rückenschmerzen und dem Selbertragen hat uns die Realität einer feinen aber kleinen hard working Blueskapelle sofort wieder. Der Aufbau läuft wie meistens reibungslos und dann haben wir drei Stunden Spaß. Das Essen ist auch gut.
Da kann man sich schon schlimmere Hobbies vorstellen.
Wenn (fast) keiner kommt
Geschrieben von DrNI
am Samstag, 16. Mai 2009
um 11:26
in Rock'n'Roll Backsides
Wir sind da, zu früh. Die Raucher rauchen, warten auf den Betreiber der Kulturlocation. Dann kommt eine und schließt auf und ist nett und fragt gleich, was wir essen wollen, und dann sagt sie, dass der S. gleich kommt. Wir stellen unterdessen fest: Hoppla, fest installierte Anlage vorhanden, umsonst geschleppt, hätte man wissen sollen. Der S. gibt sich nur halb beteiligt, weswegen ich den Soundcheck am fremden Pult selbst anfange, was den S. halb beleidigt, weil er ist ja eigentlich Tonprofi. Er übernimmt den Rest, klappt alles mehr oder minder reibungslos. Das Essen ist schwäbisch und gut… es bleibt nur noch eine Frage: Wer kommt?Es steht 4:4 als wir das Konzert beginnen. Vier stehen auf der Bühne, vier davor. Der Sänger begrüßt alle persönlich. Die ersten Songs laufen wie eine Melange aus Grafschafter Gold und Hubba Bubba. »Muss ich das jetzt den ganzen Abend aushalten?« – so der gemeinsame Gedanke. Und weiter: »Und das für 20€?« Und noch einer: »Warum bekommen wir hier nur vier Freigetränke pro Nase für den ganzen Abend?« Natürlich denken wir sehnsüchtig zurück an die gesittete Orgie mit den Bikern am letzten Wochenende. Bis zur Pause kommen dann doch noch ein paar, inklusive der prominenten Musikerpolizei in Gestalt von vier Blues Harp-Spielern. Wir strukturieren den Gig um, die Harper holen ihre Amps und Harps aus den Autos (wieso haben die so was immer dabei?) und los geht's mit einer großen Session.
Die Session lockert dann endlich die Stimmung auf der Bühne. Zwei im Publikum tanzen – Platz genug ist ja, der Raum hat Kapazität für etwa 100 Personen. Die Kapelle ist in Fahrt, der Gitarrist spielt eine Klampfe kaputt, der Basser benutzt eine der Säulen des Saals als Spielhilfe, die Harper machen Call & Response (Neudeutsch: Voll der Battle, nur mit Harps, Alter ey). Am Schluss waren es 14 zahlende Gäste. Als ich mir nach dem Abbau einen Jackie Cola bestelle (Johnny Walker haben sie nicht), werde ich nach dem Billett dafür gefragt. Es geht dann aber doch auch ohne.
Wir haben das Beste daraus gemacht.
Nachtrag: »Fuckin' A,« meint der amerikanische der Gastharper zur Show. Weniger Fuckin' A ist meine D-Saite, die ist fucked up. Kommt davon, von der Säule.
Let it roll, all night long
Geschrieben von DrNI
am Sonntag, 10. Mai 2009
um 16:12
in Rock'n'Roll Backsides

Rock'n'Roll!
Nach dem Abbau noch ein Johnny Walker und dann über die nachtschwarze Autobahn, ich bin froh um den Beifahrersitz.
Frisch aussem Knast
Geschrieben von DrNI
am Freitag, 8. Mai 2009
um 17:12
in Rock'n'Roll Backsides

Delta B & Tonmann im Innenhof der JVA Stuttgart aka Stammheim. (v.l.n.r.: Albi, DrNI, Benni, Bernd, Tobi)
Die Zeit ist gerade sehr knapp und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll… viele Eindrücke in wenig Zeit heute. Deswegen nur ein paar Worte: Leute, macht keine Dinge, die dazu führen, dass ihr da hin müsst. (Außer Rock im Knast, natürlich.) Wenn man so eine Einzelzelle nur wenige Minuten auf sich wirken lässt, dann will man definitiv weg. Und schon gar nicht 23 Stunden am Tag da drin sitzen. Eine Stunde Hofspaziergang gibt's am Tag. Nach der Besichtigung dann das Konzert. So ein bunt gemischtes Publikum hatten wir noch nie. Alle wirken total normal. Aber den meisten gemein sind diese fast starren Gesichter, irgendwie wie Pokerfaces, hier ist keiner so recht zu durchschauen. Harte Männer? Eher nicht. Aber hart gewordene Schalen scheinen es zu sein.
Nach dem Gig bleiben noch ein paar Minuten, ich zeige dem Basser der Knastband einen Basslauf, ein paar wollen Autogramme und bedanken sich mit Handschlag.
»Drei Jahre wegen Totschlag,« ruft einer aus einer Zelle hinter uns, als obiges Foto entsteht und meint wohl sich selbst. Wir wissen nicht, was wir erwidern sollen.
Geil abliefern
Geschrieben von DrNI
am Sonntag, 5. April 2009
um 13:09
in Rock'n'Roll Backsides
Der Cajonspieler und Sänger war unsanft vom Drahtesel gestiegen. Finger verbogen. Doch wir hatten schon den letzten Gig abgesagt, und singen ging ja, also spontan einen Drummer organisiert. Die Zahl nicht bemerkend spielen wir unser 23. Konzert. Was wir merken: Es ist das erste mit Drummer. Das Publikum merkt davon nicht so viel, so hoffen wir. Für uns läuft es schon beim Soundcheck ungewohnt. Erst das Set aufstellen, es ist unweigerlich lauter auf der Bühne. Ich drehe den Heizlüfter doppelt so laut auf als sonst. Außerdem reicht das Monitoring nicht. Also muss der Heizlüfter auch noch Gesang und Gitarre rüberbringen. Macht er. Problemlos. Das ganze geht dann weiterhin etwas weniger strukturiert vor sich, das Set ist laut und am Schluss schiebe ich am Pult nur den Tiefwumms der Kick an, der Rest der Schießbude bleibt unplugged. Das neue Hallgerät macht sich gut. Jetzt müssen wir nur noch Musik machen. Das Essen ist ganz erträglich, wir powerfläzen in den Kneipensofas bis es losgeht. Erstmal Tasskaff. Der ein oder andere besorgt sich eine Flasche Wasser. Die Saitenhalterfraktion übt sich im Stimmen. Dann: Der Sangesmann fußpedaliert das Licht an, ich entmute die Summen am Pult und… bekomme Nasenbluten. Doch der erste Song geht schon los, im Schreck spiele ich die falsche Tonart, schniefe ein paar mal, und nach so drei oder vier Takten stimmt es dann. Das Publikum wackelt schon bald mit, unser Newsletter hat auch ein paar der treuen Fans angezogen. Die Frau Oberbürgermeisterin wackelt nicht so heftig, aber ihr Bleiben lässt auf Gefallen schließen.
Es ist Live-Nacht, da ist das Timing festgelegt, 3×40 Minuten, dann 20 Minuten Pause. Wir müssen grinsen, als das erste Set nach genau 40 Minuten endet. Dann wechselt ein Teil des Publikums das Lokal und wir müssen den Neuen wieder erklären, wer wir sind, dass die Flyer auf dem Tisch liegen, dass der Drummer nur leihweise ist, und ein erneutes Set beginnt. Die ollen Rockkamellen hauen rein. Man muss nur Born to be wild spielen, dann klappt's. Das ist den Leuten immer noch nicht abgedroschen genug. Es fängt das erste Mal musikalisch etwas arg zu wackeln an, wegen der ungewohnten Besetzung. Nicht mehr ganz so pünktlich wieder Pause. Die Hütte leert sich, und nur wenige Neue kommen hinzu. Ein paar Leute irrglauben, dass alle Bands immer drei Mal das gleiche spielen und gehen deswegen. Wir gehen raus und auf der Straße ist die Luft frisch, das Kindergesocks ist laut und rotzbesoffen, die interessieren sich nur für die Droge, nicht für unsere Musik. Deswegen bleiben sie auch draußen.
Das dritte Set läuft, aber die kritische Masse an Publikum fehlt. Achja, wir heißen so und so, und das hier ist der Drummer, ausnahmsweise. Erneute Erklärung. Musiziert wird auch. Wir baden in zwei Balladen, doch die Kapelle ist wohl ergriffener als die Meute. Keine Zugabe. Das von den Veranstaltern der Live-Nacht aufgestellte Sparschwein ist leer, oder es sind nur Scheine drin. Schütteln: Man hört nichts. Auf den Plakaten und Flyern gibt es Sponsoren, trotzdem sammeln die noch Geld. Wir verhandeln unterdessen mit Frau Wirtschaft. Abzocken wollen wir ja auch niemanden. Aber abzocken lassen will man sich halt auch nicht. Ursprünglich wollten wir einen Hut rumgehen lassen, das geht immer gut, aber wegen diesem Schwein war das unerwünscht. Vielleicht sollten die Organisatoren der Live-Nacht mal darüber nachdenken, dass zum einen gleichzeitig nur wenige Käffer weiter die bekannte Honky Tonk Live-Nacht stattfand und dass sie es zum anderen nicht geschafft haben, die Presse wenige Käffer weiter auch nur zu einem Eintrag im Veranstaltungskalender zu motivieren. Ich vermute, sie haben es nicht mal versucht.
Aber derartige Unstimmigkeiten erlebt man als Band sehr oft. Die wenigsten Veranstalter in unserer Liga liefern wirklich geil ab. Bis man in der Position ist, Bedingungen zu stellen, fließt allerdings noch einiges an braunem Wässerchen den Neckar hinab.
Die nächste Show steigt in Stammheim. Hinter Gittern. Wir sind schon gespannt.
It's a marvelous night for a moondance
Geschrieben von DrNI
am Samstag, 1. November 2008
um 12:49
in Rock'n'Roll Backsides

Der Aufbau läuft ab 18 Uhr vor Ort reibungslos. Die Sackkarre trägt das Stage Piano mit seinen 52 Kilo ebenso mühelos wie den 15"-Subwoofer. Die Lokalität ist wie gewohnt eine akustische Katastrophe. Notfallrettung an den Summen-Equalizern, bei uns parametrisch ausgeführt. Ich tue was ich kann und das ist nicht genug. Heute habe ich als Bassverstärker den SWR LA12 dabei und sein Sound ist auch auf der Bühne ganz wundervoll, im Rahmen der Räumlichkeiten. Aber natürlich ohne die Power der PA hoffnungslos. Wir werden rechtzeitig fertig und nutzen das Catering. Warten auf die Band, auf das Highlight des Abends, wir sind ja nur die Trommelgruppe. Gäste kommen, die kein Stammpublikum sind, die Presse hat funktioniert. Um 21 Uhr sollen wir anfangen. Eine Viertelstunde nach offiziellem Beginn noch keine Band da.
Nervöses Handyphonieren: Stau, aha. noch eine Stunde etwa? Was machen wir denn jetzt? Ja gut wir machen erst mal Session. Damit die Leute nicht abhauen. OK, bis nachher, tschüss.
Der geschätzte Kollege R. wird kurzerhand aus dem Publikum als Bassist rekrutiert, DrNI wechselt vom Bass ans Klavier, der ebenfalls im Publikum befindliche A. hat ein paar Harps dabei, und der B. singt zusätzlich zum Getrommel. Ein Line-Up, das noch nie zusammen gespielt hat, beginnt die Show mit Songs die zumindest der Bassist noch nie gespielt hat. Die Zeit vergeht, wir werfen den Basser in immer neue kalte Wasser, aber alles haut hin und der Groove im Rücken hilft am Klavier und die Leute klatschen mit, das lässt sich gut an.
Mitten im Hoochie Coochie Man kommt die Kapelle und ich übergebe das Klavier direkt mitten im Song an den Star das Abends. Er und die Chanteuse übernehmen nun erstmal als Duo, während im Hintergrund der Aufbau läuft: Gitarre, Saxophon, noch ein Mic. Einpegeln am Pult, Sound einstellen, Monitor. Dann wieder DrNI am Bass, dem geht es bei gut der Hälfte aller Songs nicht besser als dem R., das Wasser ist kalt und man muss immer brav oben schwimmen.
»It's marvelous night for a moondanceGanz so marvelous wie in Van Morrisons Moondance fällt der Rest das Abends allerdings nicht aus. Verstimmungen auf der Bühne, sowohl mangels Durchblick des Bassisten aufgrund von Unfähigkeit und mangelnder Kommunikation als auch durch soziale Verwirrungen zwischen anderen Teilen der Truppe. Ich schalte auf Durchzug und versuche, den Groove zu halten. Die Bude wird verrauchter, das Kondenswasser macht den Boden feucht und schliddrig, Durchblicksverlust führt zu kreativem Walking-Bass nach dem Motto »näherungsweise den richtigen Ton auf die Eins setzen«.
with the stars up above in your eyes
a fantabulous night to make romance
'neath the color of October skies«
Als ich gegen halb Vier mit dem großen Auto die Wohnstätte meines Bettes ansteuere ist »the color of October skies« einem undurchdringbaren Weiß gewichen, ein Nebel, der dem Nichts aus der Unendlichen Geschichte beachtlich nahe zu kommen scheint. Nur noch weißer sind die Balken in der Luft, die die Scheinwerfer zeichnen. Ausgelaugt vom Bühnenaufbau, vom Chaos, vom Bühnenabbau, doch keine Gedanken mehr, einfach nur noch zur geschätzten Gefährtin unter die Decke, die Augendeckel herunterrasseln lassen. Letzter Gedanke beim Einschlafen: Herrlich, diese Stille hier.
Am nächsten Tag gegen 20 Uhr wird das Equipment wieder im Proberaum verstaut sein. Die andere Band ist längst anderswo und spielt schon das nächste Konzert. Aber bei dem müssen sie selbst aufbauen und keiner rettet ihnen den Arsch, wenn sie erst eine Stunde nach Konzertbeginn auftauchen.
Und ich dachte immer, Blues Brothers sei nur ein Film.






