Wissen, glauben, durchpfuschen

Geschrieben von DrNI am Montag, 21. Dezember 2009 um 11:31 in Rock'n'Roll Backsides
Nach Gigs höre ich normalerweise keine Musik. Am liebsten wäre es mir, wenn die ganze Location danach in einer tiefen Stille versinken würde. Wenn man gerade dreißig Songs gespielt hat, dann ist kein Platz mehr für Musik im Kopf. Auch im Auto gibt es keine Musik in dieser Nacht. Später werde ich erfahren, dass es auf der Alb bis minus dreißig hatte. Auch im Krabbengäu – immerhin ein paar hundert vertikale Meter näher am Meer – da reicht die Heizung meiner Karre auch nicht mehr aus, um den Innenraum wirklich warm werden zu lassen. Alles ist eingefroren und neben mir friert die J. auf dem Beifahrersitz.

In der Kneipe war es warm aber verraucht. Ein paar hatten ihren Besuch freundlicherweise schon abgemeldet. Unberechenbares Wetter, so begründeten sie und recht hatten sie. Doch dann wird es doch noch gerade so voll, dass man von voll gerade noch so sprechen kann. Für so wenig Leute läuft es gut an. Wie so oft, wenn sie mitklatschen, muss man sich besonders konzentrieren, auf den Perkussionisten zu hören. Der ist nämlich der einzige im Saal, der den Takt richtig »klatscht«. Das erste Set läuft etwas zu routiniert aber dennoch gut durch. Dann im zweiten schlagen mir am Bass die letzten zwei Wochen voller Stress auf die Finger, ich liefere ein paar üble Abkacker. Und als Bassist kann man keine Pause machen, man muss sich durchpfuschen, von wissen wie der Song geht rutscht es ab in ein Glauben, und dann am Ende kommt ein näherungsweises Bescheißen. Am besten kaschiert man es in einem Walking Bass, bei dem man halt versucht, immer auf die nächste Eins keinen falschen Ton zu setzen.

Deswegen geht man auf Sessions, da lernt man das in der Musik, was unsere Elite in der Politik schon immer konnte: Ohne Ahnung gut klingen und dabei unschuldig aussehen. Es wirkt, das Publikum verlangt nach einer Zugabe und einige verabschieden sich danach persönlich mit positivem Feedback und guten Wünschen.

Doch in Wirklichkeit hasst man es natürlich, wenn es einen im Gig erwischt, wo man die Songs ja kennt. Als Mensch gibt man sich ja gerne dem Gefühl hin, alles unter Kontrolle zu haben. Nichts scheint mehr zum Verzweifeln als wenn man nicht sein Leben lebt sondern von seinem Leben gelebt wird. Der Mensch sitzt im Sattel und reißt dem Gaul seines Daseins an den Zügeln oder gibt ihm die Sporen. So ist das. Und wenn der Gaul durchgeht, dann wird es uns Angst und Bange. So in etwa das Gefühl, wenn man den Basslauf seines eigenen Songs irgendwie gerade verplant hat, obwohl man den sonst morgens um fünf – also zu einer völlig illegalen Uhrzeit – noch im Schlaf könnte.

Erst nach längerem Ausschlafen fällt mir dann auf, dass ich nun schon zum dritten Mal nach nächtlichem Musizieren eine Dame durch die Gegend kutschiert habe. So langsam wird es zur Routine. Noch immer ungewohnt ist danach die Leere auf der Matratze. Ich gehe mit dem Gedanken schwanger, Gitarre spielen zu lernen. Rein aus akquisetechnischen Gründen.

Cockles and Muscles, alive, alive, oh!

Geschrieben von DrNI am Samstag, 5. Dezember 2009 um 15:19 in Rock'n'Roll Backsides
»Wir haben 60 Kilo Muscheln gekauft,« so empfängt uns der Präsident der Biker. Es ist Freitag, zwei von vier Mitgliedern der Kapelle stecken noch im Stau, der Aufbau verläuft deswegen etwas chaotisch aber wie immer problemlos. Die Akustik spricht gegen sich, ich rudere an den Summen-EQs herum. Wir sind nicht die einzigen Muschelesser an diesem Abend, aber es ist ja genug für alle da. Im Sud ist irgendwie auch Curry drin. Mit der neuen bunten Lichtanlage sieht man das ja netterweise nicht, wenn der Bassist gelbe Finger hat. Die Show läuft recht schleppend an, obwohl man sich an Muscheln ja nicht gerade vollfressen kann. Irgendwie unterhalten die Leute sich fast lauter als die Anlage, die eh schon laut ist an diesem Abend. Aber naja, es sind halt doch Biker, auch wenn die meisten mit dem Auto da sind: Mit Smoke on the Water und Locomotive Breath kriegt man sie dann doch noch rum. Sie wollen zwei Zugaben und wir liefern nochmal geil ab. Vor dem Abbau gibt es erst mal und noch mal für jeden zwei riesige Schüsseln Muscheln.

Als wir gegen drei Uhr alles verstaut haben und uns auf den Weg machen sind immer noch Muscheln da. Und es geht eben doch – sich an Muscheln vollfressen.

Surreal wie so oft

Geschrieben von DrNI am Samstag, 28. November 2009 um 16:27 in Rock'n'Roll Backsides
Noch etwa anderthalb Stunden bis zum Aufbau. Es fühlt sich wie so oft noch nicht real an. Ich schütte mir Kaffee rein und höre lautstark die …auf Dr Stroß von Schwoißfuaß. Real wird es in der Regel irgendwo innerhalb der ersten zwei Songs.

Heute Abend, 21 Uhr im Tübinger Hades: Delta B.

Proberaumsofa

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 24. November 2009 um 22:05 in Rock'n'Roll Backsides
Das unsägliche Geräusche einer Kreissäge mit der jemand Brennholz sägt. So geht das schon seit drei Stunden, doch seit den letzten fünf Minuten davon liege ich auf dem Proberaumsofa und versuche zu schlafen. Es ist mollig warm, ich habe ein Kissen und ich muss schlafen, dringend. Ich huste wie ein Kettenraucher und schlapp bin ich auch und in einer Stunde müssen wir los zum Gig. Ich muss schlafen. Die Säge hört nicht auf. Ich versuche es trotzdem und schließe die Augen. Das akustische Bild wird detaillierter: Ab und zu bollert der Ofen, leise seine Holzbriketts verdauend. Mit einem tiefen Summen läuft die externe Festplatte, auf die der Klapprechner zehnkanaliges Grundrauschen der Vorverstärker speichert. Testlauf für den Live-Mitschnitt. In kurzen, regelmäßigen Abständen das Tickern des Kopfes der Platte, wenn wieder ein Schwung neuen digitalisierten Rauschens seinen Weg auf den Datenträger findet. Ganz leise brummt und rauscht dazu die Anlage im Proberaum. Nebenan dreht sich der hals­beschmerzte Sänger kreissägen­nervengesägt auf seiner Matratze um.

Ich vergrabe mich in dem plötzlich zu kleinen Kissen und denke an Geborgenheit, doch zu spät bemerke ich, dass in dem Gedankengang eine Person vorherrscht, bei der es keine Geborgenheit mehr zu holen gibt. Beziehungsende­nervengesägt drehe ich mich auf dem Sofa um. Dann ist es auf einmal dunkel und der Gitarrist steht in der Tür. Wohl doch geschlafen, irgendwie. Niemand fühlt sich fitter. Später werden drei Viertel der Band auf der Bühne nur Kräutertee trinken. Und das ist Rock'n'Roll? Jedenfalls ist das besser als kurzfristig absagen, das ist nämlich definitiv nicht Rock'n'Roll.

Am nächsten Tag ist große Bettlägrigkeit angesagt. Eine Woche auskurieren bis zum nächsten Gig.

Was manchen Leuten deine Musik wert ist

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 1. November 2009 um 03:12 in Rock'n'Roll Backsides
Unser Sänger geht herum und kassiert bei den Leuten, die schon aufgetaucht sind, bevor die Dame mit der Kasse am Eingang postiert war. Ich sitze mit dem Harper daneben. Eine zahlt widerwillig. Als der Sänger weg ist quengelt sie ihre Begleitung an:»Kassieren, wo gibt's denn sowas. Normalerweise ist es immer umsonst, wenn irgendwo Musik ist.« Ich komme nicht umhin, mich zu entrüsten und kläffe rüber: »Dann spiel halt selber wenn es dir nicht passt!« Keine Antwort. Später tanzt sie direkt vor der Bühne gleich beim ersten Stück und versucht, mir ihre Titten ins Gesicht zu schleudern. Dazu setzt sie etwas auf, was sie vermutlich für ein anmachendes Lächeln hält. Ich bin schon tolerant, aber Wasserstoffperoxidblondinen über 50 sind dann doch nicht ganz meine Zielgruppe. Außerdem kucke ich bestimmt fies zurück, weil ich wie viele Musiker komische Gesichtsausdrücke beim Musizieren habe.

Als ich nach dem Abbau einen Tullamore Dew in mich gieße sitzt sie an der Theke. Ganz schön viel Spaß für so wenig Eintritt.

Vorher, Nachher

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 23. August 2009 um 13:30 in Rock'n'Roll Backsides

Vorher




Nachher



Back in Business

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 21. Juni 2009 um 22:09 in Rock'n'Roll Backsides
7:43. »Beweisfoto!« schallt es durch das Zimmer und der Gitarrist steht in der Tür und fotografiert mit seinem Handy herum. Zu beweisen gibt es: Sänger und Bassist im Doppelbett. Ich fluche vor mich hin, irgendwie hat das mit dem Wecker nicht geklappt. Schnell Katzenwäsche alle nacheinander, dann begeben wir uns in die gute Stube der gemütlich-rustikalen Pension zum Frühstück. Die Nacht war kurz und ich habe Rückenschmerzen von der Matratze, aber der Kaffee ist gut und die Weckle sind frisch. Eigentlich sollten wir schon aufbauen, aber das Zelt steht noch nicht ganz. Zwischen zwei Bissen von mehreren Sorten Käse fühlen wir uns etwas wie Rockstars: Kostenlos im Hotel übernachten. Nicht mein erstes Mal, aber das erste Mal als Musiker.

Dann schleppen wir die PA ins Zelt und zusammen mit den Rückenschmerzen und dem Selbertragen hat uns die Realität einer feinen aber kleinen hard working Blueskapelle sofort wieder. Der Aufbau läuft wie meistens reibungslos und dann haben wir drei Stunden Spaß. Das Essen ist auch gut.

Da kann man sich schon schlimmere Hobbies vorstellen.

Wenn (fast) keiner kommt

Geschrieben von DrNI am Samstag, 16. Mai 2009 um 11:26 in Rock'n'Roll Backsides
Wir sind da, zu früh. Die Raucher rauchen, warten auf den Betreiber der Kulturlocation. Dann kommt eine und schließt auf und ist nett und fragt gleich, was wir essen wollen, und dann sagt sie, dass der S. gleich kommt. Wir stellen unterdessen fest: Hoppla, fest installierte Anlage vorhanden, umsonst geschleppt, hätte man wissen sollen. Der S. gibt sich nur halb beteiligt, weswegen ich den Soundcheck am fremden Pult selbst anfange, was den S. halb beleidigt, weil er ist ja eigentlich Tonprofi. Er übernimmt den Rest, klappt alles mehr oder minder reibungslos. Das Essen ist schwäbisch und gut… es bleibt nur noch eine Frage: Wer kommt?

Es steht 4:4 als wir das Konzert beginnen. Vier stehen auf der Bühne, vier davor. Der Sänger begrüßt alle persönlich. Die ersten Songs laufen wie eine Melange aus Grafschafter Gold und Hubba Bubba. »Muss ich das jetzt den ganzen Abend aushalten?« – so der gemeinsame Gedanke. Und weiter: »Und das für 20€?« Und noch einer: »Warum bekommen wir hier nur vier Freigetränke pro Nase für den ganzen Abend?« Natürlich denken wir sehnsüchtig zurück an die gesittete Orgie mit den Bikern am letzten Wochenende. Bis zur Pause kommen dann doch noch ein paar, inklusive der prominenten Musikerpolizei in Gestalt von vier Blues Harp-Spielern. Wir strukturieren den Gig um, die Harper holen ihre Amps und Harps aus den Autos (wieso haben die so was immer dabei?) und los geht's mit einer großen Session.

Die Session lockert dann endlich die Stimmung auf der Bühne. Zwei im Publikum tanzen – Platz genug ist ja, der Raum hat Kapazität für etwa 100 Personen. Die Kapelle ist in Fahrt, der Gitarrist spielt eine Klampfe kaputt, der Basser benutzt eine der Säulen des Saals als Spielhilfe, die Harper machen Call & Response (Neudeutsch: Voll der Battle, nur mit Harps, Alter ey). Am Schluss waren es 14 zahlende Gäste. Als ich mir nach dem Abbau einen Jackie Cola bestelle (Johnny Walker haben sie nicht), werde ich nach dem Billett dafür gefragt. Es geht dann aber doch auch ohne.

Wir haben das Beste daraus gemacht.

Nachtrag: »Fuckin' A,« meint der amerikanische der Gastharper zur Show. Weniger Fuckin' A ist meine D-Saite, die ist fucked up. Kommt davon, von der Säule.

Let it roll, all night long

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 10. Mai 2009 um 16:12 in Rock'n'Roll Backsides
Im weiteren Verlauf des Wochenendes, also nach dem Gig im Knast und der bis um fünf Uhr morgens währenden Orgie vom Freitag, wurden wir dann am späten Samstag-Nachmittag von einem Aufgebot von etwa 80 Harleys begrüßt. Der Aufbau verlief gut, wenn auch etwas unruhig, da die Bediensteten des Hotels gehobener Klasse einen permanenten Biertransport vom Tresen durch unseren Equipmentberg hindurch hinein in die Kehlen der Biker leisten mussten. Die Show lief bikermäßig amtlich: Eine rockende Meute in Harley Owners Group-Lederwesten, der Gitarrist hat eine thailändische Bikerin unterm Arm, die seinen Jammerhaken bedient, während er soliert. Dazu knien weitere Rockerinnen und Rocker vor ihm auf dem Boden und begleiten ihn auf ihren Luftgitarren. Brunftlaute des Sängers begleiten das Szenario, das anschließend im potenten Qualm der neuen Nebelmaschine absäuft.

Rock'n'Roll!

Nach dem Abbau noch ein Johnny Walker und dann über die nachtschwarze Autobahn, ich bin froh um den Beifahrersitz.

Frisch aussem Knast

Geschrieben von DrNI am Freitag, 8. Mai 2009 um 17:12 in Rock'n'Roll Backsides

Delta B & Tonmann im Innenhof der JVA Stuttgart aka Stammheim. (v.l.n.r.: Albi, DrNI, Benni, Bernd, Tobi)

Die Zeit ist gerade sehr knapp und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll… viele Eindrücke in wenig Zeit heute. Deswegen nur ein paar Worte: Leute, macht keine Dinge, die dazu führen, dass ihr da hin müsst. (Außer Rock im Knast, natürlich.) Wenn man so eine Einzelzelle nur wenige Minuten auf sich wirken lässt, dann will man definitiv weg. Und schon gar nicht 23 Stunden am Tag da drin sitzen. Eine Stunde Hofspaziergang gibt's am Tag. Nach der Besichtigung dann das Konzert. So ein bunt gemischtes Publikum hatten wir noch nie. Alle wirken total normal. Aber den meisten gemein sind diese fast starren Gesichter, irgendwie wie Pokerfaces, hier ist keiner so recht zu durchschauen. Harte Männer? Eher nicht. Aber hart gewordene Schalen scheinen es zu sein.

Nach dem Gig bleiben noch ein paar Minuten, ich zeige dem Basser der Knastband einen Basslauf, ein paar wollen Autogramme und bedanken sich mit Handschlag.

»Drei Jahre wegen Totschlag,« ruft einer aus einer Zelle hinter uns, als obiges Foto entsteht und meint wohl sich selbst. Wir wissen nicht, was wir erwidern sollen.