Vier Tage für ein Konzert
Geschrieben von DrNI
am Dienstag, 31. August 2010
um 10:20
in Rock'n'Roll Backsides

Eines der zwei goldenen Ohren unseres Lieblingstontechnikers. (Foto: Judith Neukamm)
Für das Publikum ist alles easy. Da spielt eine Band zum Frühschoppen. Die machen Blues und so. Und auch Rock-Zeug. Der Eintritt ist frei, Sonntag um 11 geht es los. Für die Band geht es am Freitag um 19 Uhr los. Eine Chronologie von hinter den Kulissen aus Sicht des Bassisten.
Freitag, etwa 19 Uhr: Ich fahre zu meinen Eltern und tausche meinen Kleinwagen gegen deren Transporter.
Samstag, 9:30: Ich rufe beim Verleiher an. Das Konzert ist potentiell Open Air und das Areal ist riesig. Schon im Vorfeld haben wir das Gelände besichtigt und herausgefunden, dass unsere eigene Anlage zu klein ist. Wir leihen uns also zusätzliches Material aus, das geht natürlich von der Gage ab. Glücklicherweise hat sich der Mitbewohner vom Studio1 spontan bereit erklärt, uns für umsonst zu mischen und seine Anlage zur Verfügung zu stellen. Er möchte sein neues Produkt ausprobieren, eine drahtlose Fernsteuerung für Digitalmischpulte auf Basis von Apples iPad. Müssten wir ihn und seine Anlage bezahlen, dann würden wir mit Glück auf Null rauskommen. Dennoch brauchen wir noch einen dicken Subwoofer dazu. Der Verleiher macht uns einen Freundschaftspreis. Am Telefon kläre ich die Modalitäten der Abholung, reserviert haben wir das Teil schon vor Wochen.
11:00: Ich komme mit dem Transporter beim Lager des Verleihers an. Wir laden einen 2x15"-Subwoofer und ein zugehöriges Amprack in die Karre. Ich bezahle auch gleich vor Ort, dann ist das schon mal geregelt.
12:05: Ich schwitze, obwohl das meiste Equipment fest montierte Räder hat. Zwischen dem Parkplatz und dem Studio1 der WG liegen einige Treppenstufen. Die Anlage ist nun komplett verstaut. Ein 2x15"-Subwoofer, den man zu zweit kaum tragen kann. Zwei Boxen für die Front, zwei für die Bühnenbeschallung, ein Bassverstärker, zwei fahrbare Racks mit Endstufen, ein Rack mit Effekten, ein Digitalmischpult und dazu noch diverse Koffer mit Kabeln.
Im Proberaum werkeln unterdessen Sänger und Gitarrist: Die Kompaktlichtanlage wird in einen PKW verfrachtet, dazu kommen nochmal etliche Koffer mit Kabeln und Mikrofonen. Außerdem noch ein Gitarrenverstärker und eine Nebelmaschine. Wieder wo anders lädt der Bluesharp-Spieler ein Bühnenpodest für den Cajonspieler und zwei große Lichtstative in seinen Kombi. Dazu noch einen Verstärker. Instrumente sind bis jetzt noch nicht verladen.
17:20: Ich blättere in der lokalen Zeitung. Wir haben eine Ankündigung mit Foto. Sehr gut. Die lästige aber mit Konsequenz betriebene Pressearbeit zahlt sich aus.
Sonntag, 8:50: Wir haben uns über die Vorgabe des Veranstalters hinweggesetzt, ab 9:30 könne aufgebaut werden. In eineinhalb Stunden bekommen wir die Bühne einfach nur unter Hektik fertig. Also 9 Uhr, aber ich bin zu früh. Die Nacht war nicht sehr lang, Müdigkeit nagt, und viel runter bekommen habe ich beim Frühstück nicht. Der Rest der Band trudelt ein, es wird entschieden, dass wir Open Air spielen, möge das Wetter halten. Dann folgt routiniertes Handwerk, der Mischer baut die dicke Anlage und sein Zeug zusammen, mir bauen den Rest auf, jeder kommt mit seinem Kabel zum Mischpult gewackelt und bittet um Verbindung.
10:20: Unser Mischer lässt zum Einstellen der Anlage Reggae-Versionen von Police-Songs laufen. Das Wetter ist kühl und bedeckt. Es kommt Festival-Atmosphäre auf der Bühne auf. Draußen, Reggae, zweifelhaftes Wetter. Eine große und richtig fette Anlage dazu und eine überdachte Bühne. Das Mischpult steht neben der Bühne, unser Mischer mischt ja per iPad vom Publikum aus. Wir organisieren Planen für den Notfall. Musiker trinken bei Auftritten entweder Bier oder Kaffee, und heute hat uns der Veranstalter von letzterem gleich eine große Kanne hingestellt. Wir trinken reichlich.
10:45: Der Aufbau ist fertig. Der Soundcheck auch. Nun hat jeder eine halbe Stunde Zeit, sich, seine Noten (oder eher: Notizen) und die Welt irgendwie zu sortieren. Eine Rauchen. Nochmal aufs Klo gehen. Lampenfieber. Kaum einer hat richtig gefrühstückt. Wir trinken Cola, um nicht unterzuckert herumzulaufen. Alle haben Kohldampf.
11:15: Es geht los. Wie immer sind für mich die ersten zwei Songs die schlimmsten, da wird die Bühnensituation real. Nach der anfänglichen Nervosität kehrt eine gewisse innere Ruhe ein und alles ist gut. Während des ersten Sets kommen mehr Leute in den großen Biergarten, aber es ist zu kalt um voll zu werden. Sowohl was den exorbitant riesigen Biergarten als auch die Leute angeht.
12:15: Wir sind beim zweiten Set. Die Pausen und Ansagen sind vertragsgemäß. Dem Publikum gefällt's.
13:15: Das dritte Set. Es wird leerer. Die Leute frieren und auch auf der Bühne ist es kalt. Mein Pulli ist zu dünn.
14:10: Der harte Kern des Publikums hat uns eine Zugabe abgerungen.
14:30: Wir sitzen drinnen in der Wirtschaft und bestellen uns was zu Essen. Das ist neben dem Musizieren der schönste Teil an der Sache. Zwiebelrostbraten mit Spätzle auf's Haus. Alle sind fertig von der Kälte und vom Hunger und brauchen dringend Futter. Die Dialoge werden einsilbig. Fünf Leute denken nur noch an das eine: Fressen! Kopfschmerzen kündigen eine Erkältung an. Hungrig schmeckt das kostenlose Essen dem Schwaben gleich dreimal gut.
15:36: Der Tonmann und ich sind im Transporter auf dem Heimweg. Teile der Anlage müssen heute noch ausgeladen werden.
16:42: Ich falle ins Bett.
21:07: Verstärker und diverse Koffer müssen wieder die Treppe hoch. Aus den Boxen quillt Bob Marleys Sun is Shining. Draußen ist es kalt und dunkel. Es regnet. Ibuprofen hält die Kopfschmerzen in Schach.
Montag, 19:50: Es kübelt aus Kannen als ich beim Lager des Verleihers aufschlage. Zu zweit sind die Monsterbox und das Amprack schnell ausgeladen und wieder ordentlich verstaut. Dann bringe ich noch den Transporter zurück. Nun ist das Konzert also vorbei.
Und über all dem schwebt natürlich die Frage: Warum seid ihr auch so blöd und macht das alles selber? Jede vernünftige Band würde doch einfach eine fertig aufgebaute Bühne mit Personal fordern. Nun, an der Vernunft mangelt es nicht. Aber da draußen hüpfen tausende kleine Bands von mittelguter bis sauguter Qualität rum. Die Preise sind im Keller. Wir versuchen immer, einen guten Preis zu machen, aber am Ende wollen wir den Job auch bekommen. So wie die Veranstalter an unserer Gage sparen, müssen wir an den technischen Dienstleistungen sparen, sonst haben wir am Schluss gar nichts mehr in der Bandkasse. Eine Anlage wie wir sie an diesem Sonntag open air hatten kann schon mal um die 500 bis 800 Euro Miete kosten. Ohne Personal, versteht sich. Normalerweise bleibt der gute Ton an mir hängen, wofür ich mir kürzlich ein gebrauchtes Drahtlos-System zugelegt habe. So kann ich Bass spielend im Publikumsbereich herumspazieren und mir überlegen, was ich am Mischpult anders einstellen möchte. Während der Show ist sind plötzlich eintretende Veränderungen dennoch nicht auszugleichen.
Es muss eben ein Hobby bleiben, denn auf diese Art kann man kein Geld fürs Leben verdienen. Andere fahren über's Wochenende in die Alpen, wandern zu einem großen Berg und klettern diesen hoch. Die eigentliche Kletterei dauert dabei auch kaum länger als unser Konzert. Hinterher wandern sie zurück und kehren ein. Dann sind sie auch müde und glücklich. Aber sie müssen die Getränke und den Zwiebelrostbraten selber bezahlen.
Ich bin zufrieden mit meiner Wahl.







