Vier Tage für ein Konzert

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 31. August 2010 um 10:20 in Rock'n'Roll Backsides

Eines der zwei goldenen Ohren unseres Lieblingstontechnikers. (Foto: Judith Neukamm)

Für das Publikum ist alles easy. Da spielt eine Band zum Frühschoppen. Die machen Blues und so. Und auch Rock-Zeug. Der Eintritt ist frei, Sonntag um 11 geht es los. Für die Band geht es am Freitag um 19 Uhr los. Eine Chronologie von hinter den Kulissen aus Sicht des Bassisten.

Freitag, etwa 19 Uhr: Ich fahre zu meinen Eltern und tausche meinen Kleinwagen gegen deren Transporter.

Samstag, 9:30: Ich rufe beim Verleiher an. Das Konzert ist potentiell Open Air und das Areal ist riesig. Schon im Vorfeld haben wir das Gelände besichtigt und herausgefunden, dass unsere eigene Anlage zu klein ist. Wir leihen uns also zusätzliches Material aus, das geht natürlich von der Gage ab. Glücklicherweise hat sich der Mitbewohner vom Studio1 spontan bereit erklärt, uns für umsonst zu mischen und seine Anlage zur Verfügung zu stellen. Er möchte sein neues Produkt ausprobieren, eine drahtlose Fernsteuerung für Digitalmischpulte auf Basis von Apples iPad. Müssten wir ihn und seine Anlage bezahlen, dann würden wir mit Glück auf Null rauskommen. Dennoch brauchen wir noch einen dicken Subwoofer dazu. Der Verleiher macht uns einen Freundschaftspreis. Am Telefon kläre ich die Modalitäten der Abholung, reserviert haben wir das Teil schon vor Wochen.

11:00: Ich komme mit dem Transporter beim Lager des Verleihers an. Wir laden einen 2x15"-Subwoofer und ein zugehöriges Amprack in die Karre. Ich bezahle auch gleich vor Ort, dann ist das schon mal geregelt.

12:05: Ich schwitze, obwohl das meiste Equipment fest montierte Räder hat. Zwischen dem Parkplatz und dem Studio1 der WG liegen einige Treppenstufen. Die Anlage ist nun komplett verstaut. Ein 2x15"-Subwoofer, den man zu zweit kaum tragen kann. Zwei Boxen für die Front, zwei für die Bühnenbeschallung, ein Bassverstärker, zwei fahrbare Racks mit Endstufen, ein Rack mit Effekten, ein Digitalmischpult und dazu noch diverse Koffer mit Kabeln.

Im Proberaum werkeln unterdessen Sänger und Gitarrist: Die Kompaktlichtanlage wird in einen PKW verfrachtet, dazu kommen nochmal etliche Koffer mit Kabeln und Mikrofonen. Außerdem noch ein Gitarrenverstärker und eine Nebelmaschine. Wieder wo anders lädt der Bluesharp-Spieler ein Bühnenpodest für den Cajonspieler und zwei große Lichtstative in seinen Kombi. Dazu noch einen Verstärker. Instrumente sind bis jetzt noch nicht verladen.

17:20: Ich blättere in der lokalen Zeitung. Wir haben eine Ankündigung mit Foto. Sehr gut. Die lästige aber mit Konsequenz betriebene Pressearbeit zahlt sich aus.

Sonntag, 8:50: Wir haben uns über die Vorgabe des Veranstalters hinweggesetzt, ab 9:30 könne aufgebaut werden. In eineinhalb Stunden bekommen wir die Bühne einfach nur unter Hektik fertig. Also 9 Uhr, aber ich bin zu früh. Die Nacht war nicht sehr lang, Müdigkeit nagt, und viel runter bekommen habe ich beim Frühstück nicht. Der Rest der Band trudelt ein, es wird entschieden, dass wir Open Air spielen, möge das Wetter halten. Dann folgt routiniertes Handwerk, der Mischer baut die dicke Anlage und sein Zeug zusammen, mir bauen den Rest auf, jeder kommt mit seinem Kabel zum Mischpult gewackelt und bittet um Verbindung.

10:20: Unser Mischer lässt zum Einstellen der Anlage Reggae-Versionen von Police-Songs laufen. Das Wetter ist kühl und bedeckt. Es kommt Festival-Atmosphäre auf der Bühne auf. Draußen, Reggae, zweifelhaftes Wetter. Eine große und richtig fette Anlage dazu und eine überdachte Bühne. Das Mischpult steht neben der Bühne, unser Mischer mischt ja per iPad vom Publikum aus. Wir organisieren Planen für den Notfall. Musiker trinken bei Auftritten entweder Bier oder Kaffee, und heute hat uns der Veranstalter von letzterem gleich eine große Kanne hingestellt. Wir trinken reichlich.

10:45: Der Aufbau ist fertig. Der Soundcheck auch. Nun hat jeder eine halbe Stunde Zeit, sich, seine Noten (oder eher: Notizen) und die Welt irgendwie zu sortieren. Eine Rauchen. Nochmal aufs Klo gehen. Lampenfieber. Kaum einer hat richtig gefrühstückt. Wir trinken Cola, um nicht unterzuckert herumzulaufen. Alle haben Kohldampf.

11:15: Es geht los. Wie immer sind für mich die ersten zwei Songs die schlimmsten, da wird die Bühnensituation real. Nach der anfänglichen Nervosität kehrt eine gewisse innere Ruhe ein und alles ist gut. Während des ersten Sets kommen mehr Leute in den großen Biergarten, aber es ist zu kalt um voll zu werden. Sowohl was den exorbitant riesigen Biergarten als auch die Leute angeht.

12:15: Wir sind beim zweiten Set. Die Pausen und Ansagen sind vertragsgemäß. Dem Publikum gefällt's.

13:15: Das dritte Set. Es wird leerer. Die Leute frieren und auch auf der Bühne ist es kalt. Mein Pulli ist zu dünn.

14:10: Der harte Kern des Publikums hat uns eine Zugabe abgerungen.

14:30: Wir sitzen drinnen in der Wirtschaft und bestellen uns was zu Essen. Das ist neben dem Musizieren der schönste Teil an der Sache. Zwiebelrostbraten mit Spätzle auf's Haus. Alle sind fertig von der Kälte und vom Hunger und brauchen dringend Futter. Die Dialoge werden einsilbig. Fünf Leute denken nur noch an das eine: Fressen! Kopfschmerzen kündigen eine Erkältung an. Hungrig schmeckt das kostenlose Essen dem Schwaben gleich dreimal gut.

15:36: Der Tonmann und ich sind im Transporter auf dem Heimweg. Teile der Anlage müssen heute noch ausgeladen werden.

16:42: Ich falle ins Bett.

21:07: Verstärker und diverse Koffer müssen wieder die Treppe hoch. Aus den Boxen quillt Bob Marleys Sun is Shining. Draußen ist es kalt und dunkel. Es regnet. Ibuprofen hält die Kopfschmerzen in Schach.

Montag, 19:50: Es kübelt aus Kannen als ich beim Lager des Verleihers aufschlage. Zu zweit sind die Monsterbox und das Amprack schnell ausgeladen und wieder ordentlich verstaut. Dann bringe ich noch den Transporter zurück. Nun ist das Konzert also vorbei.

Und über all dem schwebt natürlich die Frage: Warum seid ihr auch so blöd und macht das alles selber? Jede vernünftige Band würde doch einfach eine fertig aufgebaute Bühne mit Personal fordern. Nun, an der Vernunft mangelt es nicht. Aber da draußen hüpfen tausende kleine Bands von mittelguter bis sauguter Qualität rum. Die Preise sind im Keller. Wir versuchen immer, einen guten Preis zu machen, aber am Ende wollen wir den Job auch bekommen. So wie die Veranstalter an unserer Gage sparen, müssen wir an den technischen Dienstleistungen sparen, sonst haben wir am Schluss gar nichts mehr in der Bandkasse. Eine Anlage wie wir sie an diesem Sonntag open air hatten kann schon mal um die 500 bis 800 Euro Miete kosten. Ohne Personal, versteht sich. Normalerweise bleibt der gute Ton an mir hängen, wofür ich mir kürzlich ein gebrauchtes Drahtlos-System zugelegt habe. So kann ich Bass spielend im Publikumsbereich herumspazieren und mir überlegen, was ich am Mischpult anders einstellen möchte. Während der Show ist sind plötzlich eintretende Veränderungen dennoch nicht auszugleichen.

Es muss eben ein Hobby bleiben, denn auf diese Art kann man kein Geld fürs Leben verdienen. Andere fahren über's Wochenende in die Alpen, wandern zu einem großen Berg und klettern diesen hoch. Die eigentliche Kletterei dauert dabei auch kaum länger als unser Konzert. Hinterher wandern sie zurück und kehren ein. Dann sind sie auch müde und glücklich. Aber sie müssen die Getränke und den Zwiebelrostbraten selber bezahlen.

Ich bin zufrieden mit meiner Wahl.

Deutsche Musik?

Geschrieben von DrNI am Montag, 19. Juli 2010 um 00:25 in Rock'n'Roll Backsides
Drei Viertel der Band sitzen Garten und spielen mit Stimme, Cajon, Akustik-Gitarre und Akustik-Bass ein Lied von Schwoißfuaß. Einer kommt her und rühmt überschwänglich, dass wir ja die deutsche Sprache nicht vergessen hätten und endlich singe mal wieder jemand auf Deutsch.

(Trivia: Die aus Bad Schussenried stammende und später in Reutlingen, Tübingen und dem ganzen Schwabenland ihr Unwesen treibende Rockband Schwoißfuaß existierte von 1979 bis 1986 und traf sich 1996 zu einer einmaligen Comeback-Tour. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre intelligenten schwäbischen Texte. Für viele des Denkens mächtige Landjugendliche dürfte sie ein geistiger Rettungsanker gewesen sein.)

Mach's dir doch einfach selber

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 11. Juli 2010 um 12:20 in Rock'n'Roll Backsides
Träume mit Musik gibt es in vielfältigen Geschmacksrichtungen: Viele Musiker lechzen nach Aufmerksamkeit, also einem möglichst großen Publikum, am Ende geht es also um Berühmtheit. Andere möchten so gut spielen wie ihr persönlicher Held, also so schnell gitarrieren wie Eddie van Halen oder so brutal bassen Marcus Miller oder so geniale Jazz-Stücke schreiben wie Herbie Hancock. Manche möchten auch einfach nur Musik machen und davon leben. Um Gedanken zu Ruhm und Ehre und dem Leben sowie dem Internet als dem dritten Weg soll es in diesem Post gehen.

Früher war die Welt nicht einfacher, aber überschaubarer. Der große irrationale Traum ist schnell erklärt: Man formiert eine Band, schreibt die genialsten Songs, übt und probt sich die Finger und Ohren blutig, und versucht möglichst viele Gigs zu bekommen. Eines hoffentlich baldigen Tages wird man dann von einer hoffentlich großen Plattenfirma entdeckt und hat es geschafft.

Seit einiger Zeit gibt es einen neuen Traum: Man lässt sich von erniedrigenden Casting-Shows biegen, formen und brechen und wenn man nur gut genug ist, dann wird man ein Star. Die Wahrheit ist natürlich, dass man vor allem gut genug verkäuflich sein muss, um so ein relativ schnell wieder fallengelassenes Sternchen zu werden. Der neue Traum ist außerdem nur für tanzende Sänger ein Traum, denn eine Band kommt darin nicht vor. Klar, es spielt eine Band und ohne diese Band wäre das ganze nichts, aber dafür hat sich niemand zu interessieren.

Und dann gibt es noch den dritten Weg: Mach's dir doch einfach selber. In den vergangenen Jahren nicht wenig besungen wurden die Möglichkeiten des Internet. Ich mach das einfach alles selber und werde bekannt und berühmt ohne den ganzen Scheiß, bei dem mich Produzenten und Plattenfirmen abzocken!

Zu erwähnen ist da zunächst noch eine zweite Entwicklung: Brauchbare Tontechnik-Gerätschaften sind mittlerweile recht günstig geworden. Computer können nahezu beliebig viele Audio-Spuren verwalten und während früher eine 4-Spur-Bandmaschine in die Tausende ging, bekommt man heute für unter tausend Euro ein vertretbares 8-Kanal-Interface. Und 8-Kanal heißt auch nur, dass man nicht mehr als acht Kanäle gleichzeitig aufnehmen kann. Das Abspielen besorgt der Computer und der mischt um einiges mehr live auf stereo runter. Synthesizer sind nicht mehr die LKW-füllenden Emerson Castles wie man sie von Fotos von Tangerine Dream oder eben Emerson Lake & Palmer kennt. Für wenig Geld bekommt man viele virtuelle Instrumente als Software und das ganze teure Equipment wie Kompressoren, Delay-Effekte, Chorus und Flanger und was-weiß-ich-noch-alles kommt als Software spottbillig oder bei der Recording-Software mitgeliefert daher. Und einen Computer hat sowieso jeder daheim. Aber selbst wenn man auf Hardware setzt kommt man günstig weg.

Wer den vorangegangene Abschnitt als fachbegriffgeladenes Geschwurbel empfunden hat, der kann sich schon langsam einfühlen in das große Problem des Selbermachens. Aber bleiben wir zunächst beim Machen. Ist also das Homerecording-Studio ausgestattet und sind die genialsten Stücke oder Songs geschrieben, dann geht es ans Aufnehmen, Mischen, ein bisschen grundlegendes Mastering ist auch noch von Nöten. Ist das Album oder auch nur die Single endlich fertig, dann muss ein Cover dafür erstellt werden. Der Selbermacher sucht sich dafür einen anderen Selbermacher, allerdings keinen Musiker sondern einen Fotografen – oder er kauft sich eine passable Kamera und lernt Fotografieren. Dann kommt ein bisschen Grafik-Design auf den Speiseplan, denn das ganze Ding muss ja auch schön gestaltet werden. Ist die Platte dann endlich in Ton und Bild fertig, geht es weiter mit rechtlichem: Was ist die GEMA, möchte ich da Mitglied werden (nein!), aber was passiert wenn ich da nicht Mitglied werde (man kommt niemals im Radio), und wer zockt hier wen auf welche Art ab, und wer war die GVL und was macht die nochmal, ist Creative Commons eine Option, was ist der Unterschied zwischen Urheberrecht und Verwertungsrecht und was ist ein Lizenzvertrag?

Sind die rechtlichen Hürden genommen, dann erscheinen eher komplexe Websites wie MySpace oder Jamendo oder last.fm nur noch Trivialitäten zu sein. Hochladen und berühmt werden! Doch was hochgeladen wurde, das wird noch lange nicht heruntergeladen. Der Selbermacher übt sich nun in Marketing. Pressemitteilungen schreiben, Gigs organisieren, sich promoten.

Wer möchte kann zu dieser langen Aufzählung an Fähigkeiten gerne noch Videoschnitt hinzufügen, denn wer sich auf YouTube versuchen möchte, der muss ja auch was Bewegtes anzubieten haben. Das alles ist also das Selbermachen. Oder vielmehr: Ein Teil der Realität des Traums davon. Ganz klar ist nämlich, dass man als Produzent, Tontechniker, Grafik-Designer und Marketing-Fuzzi und nebenher noch Musiker und Komponist hier nur mit Größenwahn überhaupt vorankommen kann. Niemand kann auf Anhieb das alles können. Findet man keine anderen Selbermacher, die einem Zeit und Knowhow spenden, so muss man Geld ausgeben. Und auch wenn das Equipment viel günstiger als früher ist, Geld ausgeben können heißt, seine Zeit zu verkaufen und einen Job anzunehmen, und dieser Job nimmt noch mehr Zeit weg als das Selbermachen. Noch mehr Zeit, die vom Wesentlichen abgeht: Vom Ersinnen und Realisieren einfach guter Musik.

Immerhin, alles selbst machen heißt auch, alles selbst bestimmen zu können. Nur verlassen kann man sich – wie bei den herkömmlichen Träumen auch – auf nichts.

Rrrr. Rrrr.

Geschrieben von DrNI am Freitag, 30. April 2010 um 08:47 in Rock'n'Roll Backsides
Rrrr. Rrrr. Schaltung nicht optimal eingestellt. Im höchsten Gang streift die Kette ganz leicht. Ich trete rein in die Pedale, ab und zu fliegen besoffene Abiturienten vorbei, es ist schwarze Nacht, die blasse Mondscheibe lugt trübe hinter ein paar feuchten Wolken hervor. Und ich trete rein, die Pedale sind die Welt, und ich trete rein. Nur noch Rrrr, Rrrr, nun ruhigere Gassen, vor mir der Lichtfleck des unterdimensionierten Scheinwerfers. Es ist noch warm und der Schweiß breitet sich unter meinem Pulli aus. Der Schweiß war heute schon mal mit mir, beim Bühnenaufbau, danach ein paar Songs dilettantiert, den anderen zu lange beim Spaß haben zugehört, um mein Freibier betteln müssen. Zu wenig Spaß und zu viel Schweiß für drei Bier, eigentlich bin ich nicht zuständig für die Bühne bei der Session, aber ich musste ja pünktlich kommen, wie immer aus mir selbst schadendem Pflichtgefühl, und der Hund leckt sich an den Eiern weil er es halt kann, und damit der Laden läuft stöpsle ich die ganze Beschallungsanlage zusammen, kompensiere wackliges Equipment und mangelnde Kabel mit links, also es gibt nur links/mono, für den rechten Kanal bleiben keine Kabel übrig, und dann soll ich noch beim Abbau helfen und das ist der Moment, an dem das vollends kellergeschossig gelagerte Karma endlich die Oberhand gewinnt, in die Vernunft furzt und mich sagen lässt: Ich hab aufgebaut, ihr könnt abbauen. Und abhauen tu ich, mit einem Gesicht wie siebzehn Tage Winterregen, durch die hübschen Damen hindurch, die man nicht so fies angrimmen sollte, und raus, und zum Rad und durch den Tunnel und mit starken Tritten in die Welt und vor allem nur weg. Nur wohin, wohin mit der den schäumenden Fäkalien in meinem Kopf? Na klar, put it online. Mein Blog, mein Zuhause, mein Klo.

So Inspired

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 22. April 2010 um 10:16 in Rock'n'Roll Backsides
»After your gig I felt so inspired I wrote a new song.«
Nachdem er das sagt, singt er mir die erste Strophe vor. Gefällt mir. Ich schlage ihm vor, wir sollten den Song mal zusammen spielen und wir einigen uns darauf. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man mit seinem Werkeln der Kreativität eines anderen in den Arsch treten kann, auf dass der dann wiederum mit seiner Kreativität, undsoweiter…!

Alles live (Elf Klatscher sollt ihr sein)

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 11. April 2010 um 12:06 in Rock'n'Roll Backsides

Wo sonst immer unromantische Erlebnisse von Konzerten mit der Kapelle und mir geschildert werden eröffne ich heute mal einen kleines Kuckloch hinter andere Kulissen. In den letzten Tagen herrschte mal wieder reger Betrieb im Studio2 unserer WG. Die beim Konzert aufgenommene Demo-CD ist immer noch in Arbeit, die Stücke sind ausgewählt und jetzt geht es an den Feinschliff. Der Weg zu einem vernünftigen Live-Mitschnitt ist klar: Man braucht ein Aufnahmegerät, mit dem man jede Spur vom Mischpult einzeln aufnehmen kann. Nur so kommt man hinterher im (Homerecording-)Studio zu einem vernünftigen Mix fürs Wohnzimmer, da man die Lautstärke jedes Instruments noch nachregeln kann.

Aber man kann nicht nur das. Weil man ja eine geniale Live-Band sein möchte hat man schon beim Konzert zwei Atmo-Mics so platziert, dass sie das Publikum aufnehmen. Dann kann man den Applaus, die Forderung nach den Zugaben, und natürlich die enthusiastischen Mitklatscher bei Bedarf werbewirksam einblenden. Ja, wir kommen halt an bei den Leuten! Dumm nur, wenn es nur ein paar Stücke gibt, bei denen sich werbewirksames Mitklatschen anböte und wenn bei dem einzigen davon, das die Kapellenmitglieder konsensisch auswählen, keiner so recht mitmachen will. Aber das ist ja alles live und mehrspur, also werden wir das schon hinkriegen.

Das geht dann so: Eigentlich braucht man so etwa elf Personen, die brav klatschen. Hat man aber in der Regel nicht zu Hause. Also müssen es drei tun, so viele hat man in den meisten Bands und Haushalten vorrätig. Ein passables Mikrofon wird aufgestellt, die drei platzieren sich drumherum im Abstand von etwa einem Meter. Einer der drei hat die Musik auf dem Kopfhörer und klatscht schön mit und die anderen zwei klatschen mit dem Mitklatscher. Das ganze wird vier Mal wiederholt, so dass man vier Spuren mit je drei Mitklatschern erhält. Die Klatscher sollten versuchen, bei jedem Take einen anderen Sound zu produzieren. Dann schön im Mixer der Software auf links und rechts und auch mittig verteilen und vor allem ganz ganz viel Hall dazugeben. Hier hilft das simple und kostenlose Plugin von Kjaerhus, bei dem man auch ganz bequem die virtuelle Raumgröße an die reale Größe des echten Auftrittsorts anpassen kann. Dabei kann man sogar mehr Hallfahne als trockenes Signal versuchen. Fertig ist das enthusiastische Publikum für wenig Geld und Aufwand.

Bei der ganzen Sache gibt es nur ein Problem: Nach jahrelangem Training an diversen Instrumenten bekommt man es als Musiker kaum noch hin, so daneben zu klatschen wie das Publikum. Das Timing klatschender Musiker ist normalerweise viel zu tight. Der Vorklatscher mit dem Kopfhörer sollte versuchen, für eine vorsichtig dosierte Irritation bei den Nachklatschern zu sorgen.

Alles live. Und den Applaus nimmt man am besten gleich aus der Sample-Library. Und was man sonst noch so macht, das verrate ich jetzt lieber nicht.

Wissen, glauben, durchpfuschen

Geschrieben von DrNI am Montag, 21. Dezember 2009 um 11:31 in Rock'n'Roll Backsides
Nach Gigs höre ich normalerweise keine Musik. Am liebsten wäre es mir, wenn die ganze Location danach in einer tiefen Stille versinken würde. Wenn man gerade dreißig Songs gespielt hat, dann ist kein Platz mehr für Musik im Kopf. Auch im Auto gibt es keine Musik in dieser Nacht. Später werde ich erfahren, dass es auf der Alb bis minus dreißig hatte. Auch im Krabbengäu – immerhin ein paar hundert vertikale Meter näher am Meer – da reicht die Heizung meiner Karre auch nicht mehr aus, um den Innenraum wirklich warm werden zu lassen. Alles ist eingefroren und neben mir friert die J. auf dem Beifahrersitz.

In der Kneipe war es warm aber verraucht. Ein paar hatten ihren Besuch freundlicherweise schon abgemeldet. Unberechenbares Wetter, so begründeten sie und recht hatten sie. Doch dann wird es doch noch gerade so voll, dass man von voll gerade noch so sprechen kann. Für so wenig Leute läuft es gut an. Wie so oft, wenn sie mitklatschen, muss man sich besonders konzentrieren, auf den Perkussionisten zu hören. Der ist nämlich der einzige im Saal, der den Takt richtig »klatscht«. Das erste Set läuft etwas zu routiniert aber dennoch gut durch. Dann im zweiten schlagen mir am Bass die letzten zwei Wochen voller Stress auf die Finger, ich liefere ein paar üble Abkacker. Und als Bassist kann man keine Pause machen, man muss sich durchpfuschen, von wissen wie der Song geht rutscht es ab in ein Glauben, und dann am Ende kommt ein näherungsweises Bescheißen. Am besten kaschiert man es in einem Walking Bass, bei dem man halt versucht, immer auf die nächste Eins keinen falschen Ton zu setzen.

Deswegen geht man auf Sessions, da lernt man das in der Musik, was unsere Elite in der Politik schon immer konnte: Ohne Ahnung gut klingen und dabei unschuldig aussehen. Es wirkt, das Publikum verlangt nach einer Zugabe und einige verabschieden sich danach persönlich mit positivem Feedback und guten Wünschen.

Doch in Wirklichkeit hasst man es natürlich, wenn es einen im Gig erwischt, wo man die Songs ja kennt. Als Mensch gibt man sich ja gerne dem Gefühl hin, alles unter Kontrolle zu haben. Nichts scheint mehr zum Verzweifeln als wenn man nicht sein Leben lebt sondern von seinem Leben gelebt wird. Der Mensch sitzt im Sattel und reißt dem Gaul seines Daseins an den Zügeln oder gibt ihm die Sporen. So ist das. Und wenn der Gaul durchgeht, dann wird es uns Angst und Bange. So in etwa das Gefühl, wenn man den Basslauf seines eigenen Songs irgendwie gerade verplant hat, obwohl man den sonst morgens um fünf – also zu einer völlig illegalen Uhrzeit – noch im Schlaf könnte.

Erst nach längerem Ausschlafen fällt mir dann auf, dass ich nun schon zum dritten Mal nach nächtlichem Musizieren eine Dame durch die Gegend kutschiert habe. So langsam wird es zur Routine. Noch immer ungewohnt ist danach die Leere auf der Matratze. Ich gehe mit dem Gedanken schwanger, Gitarre spielen zu lernen. Rein aus akquisetechnischen Gründen.

Cockles and Muscles, alive, alive, oh!

Geschrieben von DrNI am Samstag, 5. Dezember 2009 um 15:19 in Rock'n'Roll Backsides
»Wir haben 60 Kilo Muscheln gekauft,« so empfängt uns der Präsident der Biker. Es ist Freitag, zwei von vier Mitgliedern der Kapelle stecken noch im Stau, der Aufbau verläuft deswegen etwas chaotisch aber wie immer problemlos. Die Akustik spricht gegen sich, ich rudere an den Summen-EQs herum. Wir sind nicht die einzigen Muschelesser an diesem Abend, aber es ist ja genug für alle da. Im Sud ist irgendwie auch Curry drin. Mit der neuen bunten Lichtanlage sieht man das ja netterweise nicht, wenn der Bassist gelbe Finger hat. Die Show läuft recht schleppend an, obwohl man sich an Muscheln ja nicht gerade vollfressen kann. Irgendwie unterhalten die Leute sich fast lauter als die Anlage, die eh schon laut ist an diesem Abend. Aber naja, es sind halt doch Biker, auch wenn die meisten mit dem Auto da sind: Mit Smoke on the Water und Locomotive Breath kriegt man sie dann doch noch rum. Sie wollen zwei Zugaben und wir liefern nochmal geil ab. Vor dem Abbau gibt es erst mal und noch mal für jeden zwei riesige Schüsseln Muscheln.

Als wir gegen drei Uhr alles verstaut haben und uns auf den Weg machen sind immer noch Muscheln da. Und es geht eben doch – sich an Muscheln vollfressen.

Surreal wie so oft

Geschrieben von DrNI am Samstag, 28. November 2009 um 16:27 in Rock'n'Roll Backsides
Noch etwa anderthalb Stunden bis zum Aufbau. Es fühlt sich wie so oft noch nicht real an. Ich schütte mir Kaffee rein und höre lautstark die …auf Dr Stroß von Schwoißfuaß. Real wird es in der Regel irgendwo innerhalb der ersten zwei Songs.

Heute Abend, 21 Uhr im Tübinger Hades: Delta B.

Proberaumsofa

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 24. November 2009 um 22:05 in Rock'n'Roll Backsides
Das unsägliche Geräusche einer Kreissäge mit der jemand Brennholz sägt. So geht das schon seit drei Stunden, doch seit den letzten fünf Minuten davon liege ich auf dem Proberaumsofa und versuche zu schlafen. Es ist mollig warm, ich habe ein Kissen und ich muss schlafen, dringend. Ich huste wie ein Kettenraucher und schlapp bin ich auch und in einer Stunde müssen wir los zum Gig. Ich muss schlafen. Die Säge hört nicht auf. Ich versuche es trotzdem und schließe die Augen. Das akustische Bild wird detaillierter: Ab und zu bollert der Ofen, leise seine Holzbriketts verdauend. Mit einem tiefen Summen läuft die externe Festplatte, auf die der Klapprechner zehnkanaliges Grundrauschen der Vorverstärker speichert. Testlauf für den Live-Mitschnitt. In kurzen, regelmäßigen Abständen das Tickern des Kopfes der Platte, wenn wieder ein Schwung neuen digitalisierten Rauschens seinen Weg auf den Datenträger findet. Ganz leise brummt und rauscht dazu die Anlage im Proberaum. Nebenan dreht sich der hals­beschmerzte Sänger kreissägen­nervengesägt auf seiner Matratze um.

Ich vergrabe mich in dem plötzlich zu kleinen Kissen und denke an Geborgenheit, doch zu spät bemerke ich, dass in dem Gedankengang eine Person vorherrscht, bei der es keine Geborgenheit mehr zu holen gibt. Beziehungsende­nervengesägt drehe ich mich auf dem Sofa um. Dann ist es auf einmal dunkel und der Gitarrist steht in der Tür. Wohl doch geschlafen, irgendwie. Niemand fühlt sich fitter. Später werden drei Viertel der Band auf der Bühne nur Kräutertee trinken. Und das ist Rock'n'Roll? Jedenfalls ist das besser als kurzfristig absagen, das ist nämlich definitiv nicht Rock'n'Roll.

Am nächsten Tag ist große Bettlägrigkeit angesagt. Eine Woche auskurieren bis zum nächsten Gig.