Nach Gigs höre ich normalerweise keine Musik. Am liebsten wäre es mir, wenn die ganze Location danach in einer tiefen Stille versinken würde. Wenn man gerade dreißig Songs gespielt hat, dann ist kein Platz mehr für Musik im Kopf. Auch im Auto gibt es keine Musik in dieser Nacht. Später werde ich erfahren, dass es auf der Alb bis minus dreißig hatte. Auch im Krabbengäu – immerhin ein paar hundert vertikale Meter näher am Meer – da reicht die Heizung meiner Karre auch nicht mehr aus, um den Innenraum wirklich warm werden zu lassen. Alles ist eingefroren und neben mir friert die J. auf dem Beifahrersitz.
In der Kneipe war es warm aber verraucht. Ein paar hatten ihren Besuch freundlicherweise schon abgemeldet. Unberechenbares Wetter, so begründeten sie und recht hatten sie. Doch dann wird es doch noch gerade so voll, dass man von voll gerade noch so sprechen kann. Für so wenig Leute läuft es gut an. Wie so oft, wenn sie mitklatschen, muss man sich besonders konzentrieren, auf den Perkussionisten zu hören. Der ist nämlich der einzige im Saal, der den Takt richtig »klatscht«. Das erste Set läuft etwas zu routiniert aber dennoch gut durch. Dann im zweiten schlagen mir am Bass die letzten zwei Wochen voller Stress auf die Finger, ich liefere ein paar üble Abkacker. Und als Bassist kann man keine Pause machen, man muss sich durchpfuschen, von wissen wie der Song geht rutscht es ab in ein Glauben, und dann am Ende kommt ein näherungsweises Bescheißen. Am besten kaschiert man es in einem Walking Bass, bei dem man halt versucht, immer auf die nächste Eins keinen falschen Ton zu setzen.
Deswegen geht man auf Sessions, da lernt man das in der Musik, was unsere Elite in der Politik schon immer konnte: Ohne Ahnung gut klingen und dabei unschuldig aussehen. Es wirkt, das Publikum verlangt nach einer Zugabe und einige verabschieden sich danach persönlich mit positivem Feedback und guten Wünschen.
Doch in Wirklichkeit hasst man es natürlich, wenn es einen im Gig erwischt, wo man die Songs ja kennt. Als Mensch gibt man sich ja gerne dem Gefühl hin, alles unter Kontrolle zu haben. Nichts scheint mehr zum Verzweifeln als wenn man nicht sein Leben lebt sondern von seinem Leben gelebt wird. Der Mensch sitzt im Sattel und reißt dem Gaul seines Daseins an den Zügeln oder gibt ihm die Sporen. So ist das. Und wenn der Gaul durchgeht, dann wird es uns Angst und Bange. So in etwa das Gefühl, wenn man den Basslauf seines eigenen Songs irgendwie gerade verplant hat, obwohl man den sonst morgens um fünf – also zu einer völlig illegalen Uhrzeit – noch im Schlaf könnte.
Erst nach längerem Ausschlafen fällt mir dann auf, dass ich nun schon zum dritten Mal nach nächtlichem Musizieren eine Dame durch die Gegend kutschiert habe. So langsam wird es zur Routine. Noch immer ungewohnt ist danach die Leere auf der Matratze. Ich gehe mit dem Gedanken schwanger, Gitarre spielen zu lernen. Rein aus akquisetechnischen Gründen.