Die Generation Golf kannte Nerds, die damals Freaks hießen, die mit dem
Brotkasten programmierten. Auch der Z80 oder ein früher Apple waren dabei. Florian Illies beschreibt die Figur des Rüdiger in seinem Buch
Generation Golf unter anderem so:
»Rüdiger hieß tatsächlich so und war einer jener Menschen, die später Mathe- und Physik-Leistungskurs wählten, damals schon P.M. lasen und schwarze Aktenkoffer hatten, einen Commodore 64 und großporige Pickel, aber nie eine Freundin.«
Meine Pubertät fiel in die 90er und ich damit raus aus der Generation Golf. Der Golf war eine feste Größe geworden und man widmete sich lieber Green Day oder Nirvana. Und der Computer war der PC geworden. Ende der 80er hatte man schon den Zweisechsundachtziger (aka
Intel 80286) und mit 13 Jahren war ich der König mit einem Dreisechundachziger mit dreifarbiger Hercules Monochrom-Grafik (schwarz, gelb, hellgelb) und der unglaublichen Präsenz einer Thin Ethernet Netzwerkschnittstelle sowie einem Wahnsinns-Arbeitsspeicher mit einer Größe von acht Megabyte. Die Festplatte hatte 170 Megabyte und man fragte sich, wie man die jemals voll kriegen sollte, nicht mal Windows für Workgroups brauchte annähernd so viel Platz. So viel zur Nostalgie. Doch wichtiger war das (anti)soziale Drumherum.
Mit 13 Jahren begann ich also, einen Teil meines späteren Berufs als Hobby anzufangen. Es hieß QuickBasic und war schlichtweg genial. Der Kleine Pimpf DrNI begriff sofort, dass er die volle Macht über diesen grauen Kasten haben konnte, würde er nur genug vom Programmieren begreifen. Das Ding würde einfach alles tun, was man ihm sagte. Man würde sogar nur mit seiner eigenen gedanklichen Leistung ein Programm schreiben können, das noch nie jemand zuvor geschrieben hatte. Es war gigantisch. Doch nach langer Nacht kam schon am Morgen im Schulbus die Realität in Form der Mitschüler. Die machten normalere Dinge wie Fußball spielen, Bravo lesen, die Jeans der richtigen Marke shoppen und die eigene Biologie erkunden. Und DrNI war ihnen nie so richtig geheuer. Schon in der Grundschule hatte dieser mit Routine elektromechanische Gerätschaften mit Fischertechnik zusammengetüftelt und jetzt wurde alles nur noch schlimmer. Ergo folgte bald das Fischertechnik Computing Interface – die herrlichste aller Symbiosen: Die technische, quasi hardware-seitige Gestaltungsfreiheit von Fischertechnik gepaart mit der Allmachtsphantasie der Software. Es war eine geile Zeit im Kinderzimmer.
Sie hassten mich, aber sie wussten noch weniger wie ich, warum. Im Schulsport stellten sie mich ins Tor, wo ich versagte. Die Mädchen machten die ersten Erfahrungen mit Kindermännern aus der Neunten und verspotteten uns aus der Siebten für unser frühes Entwicklungsstadium.
Informationstechnisches Grundwissen hieß eine Lehrplaneinheit im Matheunterricht der Achten, in der es am Schluss keine Benotung gab, weil alle außer mir durchgefallen wären.
Doch dann kam langsam der PC bei der Masse an und damit wurde aus Hass eine Hassliebe. Als ich mit 13 in QuickBasic meine ersten Schritte unternahm, da schwitzte Tim Berners-Lee vermutlich gerade über dem ersten Prototyp eines Webservers. Wer ein Modem hatte, der hatte vielleicht schon ein 14,4er – unser heutiger DSL-Annschluss ist ca. 1388 Mal schneller. Mit dem Modem konnte man sich zu einer
Mailbox verbinden – natürlich zum teuren Minutentarif – um mit etwas Glück mit anderen Langhaarigen einen Chat haben. Doch der Kern der Geschichte: Es gab weder Google noch Wikipedia noch überhaupt irgendwie Internet für die Leute außerhalb der Universitäten. Wer was wissen wollte, der ging in die Bücherei, die über Computer kaum was hatte, kaufte in der fernen Kleinstadt Tübingen ein teures Buch, oder fragte seinen Freak-Vater, insofern er einen hatte.
Er ist schon richtig, denn Mädchen mit Programmierabsichten waren zunächst nicht gegeben.

In dieser Informationswüste ohne Verbindung zwischen den einzelnen Rechnern gab es mich und ich hatte eine Schachtel mit Disketten. Eine DOS-Bootdiskette und eine Diskette mit F-Prot Antivirus und noch diverse andere Arzneien. Außerdem befand sich in der Schachtel ein Kreuzschlitz-Schraubendreher. Trotz der nicht vorhandenen Verbindung zwischen Rechnern fingen sich so ab der Neunten die fast schon Alltag gewordenen Computer der Mitschüler immer wieder Krankheiten ein. Man unterschied zwischen normalen Viren und Bootsektor-Viren. Die Hardware machte öfter mal Abkacker, denn der PC war ein Billigprodukt für den Massenmarkt geworden. Auch gab es Rechner, in denen die Einzelteile herumpolterten, weil man sie mal aus Versehen vom Tisch hatte fallen lassen. Mit der Alltagwerdung des Computers begann die Liebe zum Freak. Man mochte ihn nicht, er sah komisch aus, redete öfter wirres Zeug und tat mit dem eigenen digitalen Schätzchen seltsame Dinge. Aber am Schluss war die Kiste zumeist geheilt und man konnte wieder seine Spiele zocken, und dafür liebte man den eigentlich ungebetenen Gast.
Die Neunziger rasten und Tim Berners-Lee hatte das Monster gestartet. Unaufhaltsam krochen Internet und World Wide Web in die Schulen und dann in die elterlichen Arbeitszimmer. Man begann, wenn auch zunächst nur zögerlich, mit dem Aufpumpen der Dotcom-Blase. Der Computer war überall und nun waren auch schon Kleinselbstständige und selbst Lehrer von ihm abhängig geworden. Der Freak konnte so schon im Schüleralter mit kleinen Dienstleistungen sein Taschengeld merklich aufbessern. Was ihm die Mitschüler neideten. Das erste mal im Web surfte ich an meines Vaters Arbeitsplatz in der Universität. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutete, doch schon im die Jahrtausendwende verdiente ich Geld mit dem Web. Die Verbindung von Programmierung und Webdesign, was heute Routine ist und Web Application heißt, da konnte damals die ortsansässige Konkurrenz nicht mitziehen. Die waren froh, wenn sie
Hello World in JavaScript konnten, während der Freak auf JavaScript herabgrinste und sich überlegte, ob er serverseitig lieber Perl oder PHP benutzen wollte, während Offline-Anwendungen gerne in Object Pascal aka Delphi entwickelt wurden.
Derartiger Multilingualismus war der Normalbevölkerung (»On/Off - soll ich da mal draufdrücken?«) natürlich keine Anerkennung wert. Auch die Fähigkeit, einen Linux-Rechner mit einer Menge Virtual Hosts zu administrieren, fand keinen Anklang. Noch weniger Anklang fand die Entscheidung, das von mir im persönlichen Betrieb schon 1998 gänzlich abgeschaffte Microsoft Windows bei anderen Leuten nur noch bei guter Bezahlung zu reparieren. Doch was wollten sie machen, sie hatten sich abhängig gemacht, da sie die Technologie, nicht aber das Know-How erworben hatten. Reich wurde ich nie, aber es war für Schülerverhältnisse ein angenehmer Wohlstand.
Parallel zu all dem formierte sich eine kleine Gruppe Pubertierender, die sich eine jugendliche Gegenkultur erschuf. Unsere Helden waren wie wir keine Helden aus der Bundesliga oder aus der Glotze, sondern eher Assembler-Programmierer oder Kernel-Hacker. Mehrmals trafen wir uns mit unseren Computern, um spontan größere Netzwerke aufzubauen; natürlich mit Thin Ethernet, denn das gab es nun überall billig. Wir tranken teure aus den USA importierte Jolt Cola und fraßen tonnenweise ekelhafte Fertigpizzen. Dazu zockten wir Doom oder Quake, rippten in halber Echtzeit die ersten MP3s, aber nur die wichtigsten Songs, denn Festplatten waren von der Kapazität her kaum größer als CDs. Zum Standard bei solchen Meetings, die wir
nach einem großen Vorbild schlicht
HIP nannten, gehörte allerdings auch das Programmieren in allen möglichen Sprachen und das konfigurieren aller möglicher Hard- und Software. Wir bauten uns aus alten Rechnern mittels speziellen Linux-Distributionen unsere NAT-Router selbst, denn damals waren diese Kästchen unerschwinglich, die heute bei jedem DSL-Anschluss gratis mitgeliefert werden. Wir lernten Mädchen über das Internet kennen und der eine oder andere verliebte sich. Auch das wurde von
den anderen mindestens als sonderbar angesehen, in Einzelfällen vielleicht sogar als pervers.
Heute scheint es sie nicht mehr zu geben, die Computer Kids. Die Computer von heute heißen iMac und sind keine Herausforderung mehr. Man schaltet sie ein, dann tun sie was man will. Und wenn nicht, dann nölt man in seinem Blog herum. Oder man findet via Google in Minuten eine Lösung oder gar ein Programm, das die neue Aufgabe kostenlos für einen übernimmt. In den 90ern tat der Computer erst mal nichts Spannendes aber mit QuickBasic konnte man ihn besiegen. Er war eine Herausforderung, die geknackt werden musste. Und wer Wissen hatte, der hatte ein Privileg.
Mein Informatiklehrer sagte Jahre später mal, kein Jahrgang nach uns habe uns seitdem toppen können, was die Fertigkeit im Umgang mit Computern angehe. Doch fehlender Nachwuchs macht mich nur rarer und damit teurer. Auch die Haltung der
anderen von damals ist mir gleichgültig geworden.