Anders

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 24. Februar 2010 um 11:19 in Gedanken gehen ihren Gang
Deine Freunde schauen weg, wenn sie mir in der Stadt begegnen. Es ist als hätte ich etwas Furchtbares getan. Es ist als hätte ich dich geliebt.

Der erste Schnee

Geschrieben von DrNI am Samstag, 12. Dezember 2009 um 19:04 in Gedanken gehen ihren Gang
Morgens kurz vor Sechs: Betrunken Frau nach Hause gebracht (walked her home). Zu ihrem Freund. Auto steht irgendwo, PA wo anders wo sie auch nicht hingehört. Aus zunächst gefühlter Selbstlosigkeit wird auf den letzten solitären Metern im ersten Schnee ein kleiner Anflug von Selbstmitleid.

Lebensabschnittshymnen

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 24. November 2009 um 15:27 in Gedanken gehen ihren Gang
Man starrt vor sich hin und hört in der Endlossschleife einen Song. Menschen, Autos, Wolken ziehen unbeteiligt vorbei, Stunde um Stunde. Das ist die Lebensabschnittshymne, die einen am Anfang oder am Ende eines solchen Abschnitts hinterrücks überfällt, dann fesselt, und ein Leben lang nicht mehr loslässt. Das Lied ist verseucht und verdorben für den Rest aller Tage, mag es auch noch so schön sein. Man hört es danach nie wieder. Oder zumindest nie wieder mit den gleichen Ohren.

Wollebobbel

Geschrieben von DrNI am Freitag, 20. November 2009 um 00:32 in Gedanken gehen ihren Gang
Manchmal wünschte ich, ich wäre studierter Erziehungswissenschaftler (auch Pädagoge genannt), dann könnte ich mit den Leuten vielleicht auch mal über schwierige Dinge des Miteinanders reden. Hab ich jetzt was falsch gemacht? Wie geht es dir dabei? Blahblah. Manchmal wäre es besser, zu explizieren woran man gegenseitig ist. Meistens fühlt es sich aber doch natürlich an, das männliche antikommunikative Aussitzverhalten an den Tag zu legen.

Nehmt euch einfach den Wollebobbel wenn ich mal wieder zu viel rede. Es macht mir nichts aus. Aber haltet ihn gut fest.

Die Erkenntnis des Tages

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 4. November 2009 um 14:09 in d.E.d.T., Gedanken gehen ihren Gang
Nun, da mich die allmorgendliche Dosis Schönheit in Form eines sich räkelnden Frauenkörpers schon eine gefühlte Ewigkeit lange im Stich gelassen hat, wächst das Bedürfnis nach mehr Alltagsästhetik in Form von Einrichtungsgegenständen und neuen Bildern an den Wänden.

Die geschenkte Stunde

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 25. Oktober 2009 um 02:12 in Gedanken gehen ihren Gang
Die Uhr rechts unten in der Leiste sagt, es sei höchste Zeit fürs Bett, schon gleich drei Uhr. Dann springt sie von 2:59 auf 2:00 und schenkt mir eine Stunde. Sie versetzt mich in Tief filosofische Gedanken über die Unmöglichkeit des Zurückdrehens der Zeit und darüber, ob mir das nun etwas bringen würde oder nicht. Es ist alles eitel. Realist wie ich sein möchte halte ich es mit Gryphius, doch es haut nicht hin, es haut einfach nicht hin. Schicksal ist, wenn es alle anscheißt und keiner kann was dafür. Und meist auch nicht dagegen.

Konklusion: Narkose mit legalen Drogen. Standby-Modus aktivieren. Was will ich mit einer geschenkten Stunde, wünschte ich doch, es wären die nächsten Wochen schon vorbei.

Berlin und ich. Was ist das?

Geschrieben von DrNI am Montag, 19. Oktober 2009 um 11:03 in Gedanken gehen ihren Gang
Ich sitze in der typisch städtischen Wohnung meiner Berliner Gastgeberin auf der Schüssel und blättere in einer Ausgabe der Neon. Hohe Decken, zum Teil zweiflüglige Türen, ziemlich groß und ziemlich viel günstiger als Tübingen. In der Neon bekennt eine gewisse Michaela Förster, 24: »Ich pinkel jeden Morgen in die Dusche. Multitasking nenne ich das.« Das dazugehörige Foto ist unterschrieben mit: »Michaela: lila Top von Ben, 45 Euro; Minirock von Replay, 189 Euro; hohe Turnschuhe von Puma by Alexander McQueen, 150 Euro.«

Einige viele Neon-Bekenntnisse später – davon nur ein einziges weiteres zum Thema Pinkeln – powerfläze ich im Sessel, die Sonne scheint herein und ich überlege mir, ob ich mit dem ausgeliehenen MacBook nicht in ein Café gehen sollte. So stelle ich mir als Landei den hippen Kreativberliner vor. Genussvoll wälzt er sich in seiner gespielten Armut der digitalen Bohème mit seinem Edel-Laptop, Latte Macchiato zullend. Die Vorstellung erinnert an das Musik machen zusammen mit Kiffern, wenn man selber nicht kifft. Sie finden es alle furchtbar lustig und vor allem unendlich kreativ, aber man selbst langweilt sich zu Tode.

Gestern in Marzahn, zum Sightseeing. Das andere Berlin. Plattenbauten bis zum Horizont. Schon nach einer Stunde Stadtspaziergang die Beklemmung. Keine Cafés in denen jemand mit einem MacBook sitzen könnte. Schnell wollen wir wieder fort von dem Ort, an den tausende jeden Abend von der Arbeit zurückkehren, der für tausende Heimat ist.

Da sitze ich also mit meinem kratzigen Arbeitskleidungspulli in Berlin, gedanklich zwischen Pinkelmichaela im 189-Euro-Minirock und diesem Typen im Anzug aus echtem Joggins in Marzahn. Berlin, was ist das? Ich weiß es weniger als zuvor. Es wird Zeit, hinaus zu gehen auf die Straßen und rein in die Bahn des Untergrunds und wo anders wieder herausfallen und mehr herausfinden. Mehr herausfinden über mich und Berlin.

Wort zum Ende vom Geld

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 24. September 2009 um 20:15 in Gedanken gehen ihren Gang
Das Ende vom Geld ist mal wieder vor dem Ende vom Monat erreicht. Ab und zu lässt sich das nicht vermeiden. In der Regel greifen in meinem Kopf dann verschiedene Abwehrstrategien. Zunächst grase ich die Wohnung ab nach Zeugs, das man bei Ebay verkaufen könnte. Ich finde zwei Röhrenmonitore und einen großen alten Laserdrucker. Die sind leider so schwer und wertlos, dass niemand dafür Versandkosten bezahlen möchte. Also inseriere ich in der Sperrmüll-Zeitung und auf deren Webseite. Es kommt auch eine junge Dame und möchte den Drucker erwerben. Doch als sie ihn sieht, da erschrickt sie und meint sie habe sich das Ding kleiner vorgestellt. Und so was aus dem Mund einer Dame. Wie dem auch sei, auf ihr Fahrrad passt der Kasten definitiv nicht und so zieht sie ab. Da sitze ich mit meinen Bildschirmen und dem Drucker und pumpe die geschätzte Gefährtin zwecks Vermeidung von Bankenterror an.

Die nächste Strategie ist dann eine meist geistige Beschäftigung mit den Möglichkeiten zur Aufstockung des Einkommens. Da habe ich viele gute Ideen. Dann sortiere ich die raus, die maßgeblich mit Arbeit verbunden sind. Zeit und Schlaf und Geld, die drei Dinge von denen man im Leben meist zu wenig abbekommt. Also muss man sparsam damit umgehen. Die verbleibenden Ideen verwerfe ich dann meistens, und alles ist gut. Schlimmer wird es, wenn ich sie nicht verwerfe. Was ich am besten kann, das mache ich eben bereits jeden Tag in der Uni, und den Rest kann ich nicht gut genug, dass es jemanden interessieren würde. Aber ab und zu probiert man es eben doch. Vielleicht auch nur, um sich mal wieder zu erden oder zu elektrisieren.

Es gibt der Selbstwahrnehmung eine Note des unverstandenen Genies, des ständig scheiternden Künstlers, den nie einer verstehen will oder der einfach nie gut genug wird um irgendwie interessant zu sein.

Galoschenroman

Geschrieben von DrNI am Sonntag, 30. August 2009 um 15:36 in Direktsaft, Gedanken gehen ihren Gang
Schuhe. Vor vielen Jahren saß der C. mal in einem Kajak und die damalige Gefährtin und ich schwommen im damals in meinem Besitz befindlichen Zweier-Faltboot daneben. Erstgenannter hatte sich schon etwas am Tetrahydrocannabinol gütlich getan, die Mittagssonne strahlte nahezu schon atomar und auch die nüchternen Gehirne dampften unter den Sonnenhüten mit großer Freude. In der Hand hielt der C. einen Schuh, der ihm soeben ins Wasser gefallen war. Anlässlich des Nichtuntergangs von ebendieser Gehhülse geriet der Gute ins Schwärmen. Es erfolgte ein Vortrag, wo er mit diesem Schuh schon überall gewesen sei, was dieser Schuh schon alles erlebt habe, ja wie seine Stahlkappe ihn immer beschützt habe. Damals waren Stahlkappenschuhe bei punkverwandtem Style gerade sowieso in, aber dem Guten taten die auch im Job gut. Und nicht mal untergehen würden die, eine Pracht, so schwadronierte er weiter. Zur Demonstration warf er den Schuh erneut ins Wasser, wo dieser mit einem leisen Gurgeln in der Tiefe verschwand.

Ich weiß nicht mehr, welches Schuhwerk ich damals dabei hatte, aber die Vermutung liegt nahe, dass es die Lowa Trekker waren. Gestern habe ich mir ein neues Paar gekauft, wieder Lowa Trekker, nun zum dritten Mal. Nicht gerade die Eleganz in Schuh, aber so fünf Jahre hält mir so ein Paar dann schon durch, auch wenn ich sie im Winter jeden Tag trage. Als ursprünglich auf dem Lande aufgewachsener Mensch liegt mir untaugliche Ausrüstung im Alltag einfach nicht. Wenn eine Pfütze kommt oder ein Regenschauer, das Material muss das mitmachen und für mich da sein. Da muss die Eleganz dann hinten anstehen. Nächste Woche geht es ein bisschen ins Mittelgebirge mit den neuen Trekkern. Die alten bleiben wie ehedem meine Bühnenschlappen. Bequem ausgelatscht wie sie sind erlauben sie stundenlanges Stehen mit dem schweren Fünfsaiter auf der Schulter, geben aber immer noch genug stabilen Halt, um beim Auf- und Abbau ranzuklotzen.

An Schuhen erkenne man das wahre Ich der Leute, so sagt man. Auch ich kucke den Leuten auf die Schuhe. Natürlich und männlich gegeben fällt nicht der erste Blick dort hin, aber man erkennt doch viel einer Einstellung. Zum Beispiel, ob Frauen bereit sind, sich für das Gefühl der Eleganz mit Blasen zu quälen. Die Art der Schuhe sagt etwas aus über Prioritätensetzung. Unbequem, gefährlich und manchmal sexy wie ein Stöckelschuh, durchgelatscht und ungepflegt wie ein Zehenkäse züchtender Turnschuh, oder doch lieber fest und sicher und irgendwie leicht unästhetisch wie ein Trekkingschuh? Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Was möchte uns diese Outdoor-Sandale sagen, mit der man outdoor sofort über die Kieselchen in den Schlappen fluchen würde? Was ist die Botschaft hinter den befransten Cowboystiefeln, die noch nie in den harten hölzernen Steigbügeln eines Western-Sattels auf dem Quarter Horse in den Sonnenuntergang geritten sind? Und selbst der Nichtschuh ist ein Statement. Der Weg zurück zur Natur führt über den viel zu heißen Asphalt und sowohl Haar als auch Nägel sollten ab und zu gekürzt werden.

Aber eigentlich ist es mir egal was die Leute denken, wenn sie mir auf die Schuhe glotzen. Und im Sommer und in der City hab nicht mal ich die Trekker an.

Computer Kids

Geschrieben von DrNI am Freitag, 7. August 2009 um 18:01 in Gedanken gehen ihren Gang
Die Generation Golf kannte Nerds, die damals Freaks hießen, die mit dem Brotkasten programmierten. Auch der Z80 oder ein früher Apple waren dabei. Florian Illies beschreibt die Figur des Rüdiger in seinem Buch Generation Golf unter anderem so:
»Rüdiger hieß tatsächlich so und war einer jener Menschen, die später Mathe- und Physik-Leistungskurs wählten, damals schon P.M. lasen und schwarze Aktenkoffer hatten, einen Commodore 64 und großporige Pickel, aber nie eine Freundin.«
Meine Pubertät fiel in die 90er und ich damit raus aus der Generation Golf. Der Golf war eine feste Größe geworden und man widmete sich lieber Green Day oder Nirvana. Und der Computer war der PC geworden. Ende der 80er hatte man schon den Zweisechsundachtziger (aka Intel 80286) und mit 13 Jahren war ich der König mit einem Dreisechundachziger mit dreifarbiger Hercules Monochrom-Grafik (schwarz, gelb, hellgelb) und der unglaublichen Präsenz einer Thin Ethernet Netzwerkschnittstelle sowie einem Wahnsinns-Arbeitsspeicher mit einer Größe von acht Megabyte. Die Festplatte hatte 170 Megabyte und man fragte sich, wie man die jemals voll kriegen sollte, nicht mal Windows für Workgroups brauchte annähernd so viel Platz. So viel zur Nostalgie. Doch wichtiger war das (anti)soziale Drumherum.

Mit 13 Jahren begann ich also, einen Teil meines späteren Berufs als Hobby anzufangen. Es hieß QuickBasic und war schlichtweg genial. Der Kleine Pimpf DrNI begriff sofort, dass er die volle Macht über diesen grauen Kasten haben konnte, würde er nur genug vom Programmieren begreifen. Das Ding würde einfach alles tun, was man ihm sagte. Man würde sogar nur mit seiner eigenen gedanklichen Leistung ein Programm schreiben können, das noch nie jemand zuvor geschrieben hatte. Es war gigantisch. Doch nach langer Nacht kam schon am Morgen im Schulbus die Realität in Form der Mitschüler. Die machten normalere Dinge wie Fußball spielen, Bravo lesen, die Jeans der richtigen Marke shoppen und die eigene Biologie erkunden. Und DrNI war ihnen nie so richtig geheuer. Schon in der Grundschule hatte dieser mit Routine elektromechanische Gerätschaften mit Fischertechnik zusammengetüftelt und jetzt wurde alles nur noch schlimmer. Ergo folgte bald das Fischertechnik Computing Interface – die herrlichste aller Symbiosen: Die technische, quasi hardware-seitige Gestaltungsfreiheit von Fischertechnik gepaart mit der Allmachtsphantasie der Software. Es war eine geile Zeit im Kinderzimmer.

Sie hassten mich, aber sie wussten noch weniger wie ich, warum. Im Schulsport stellten sie mich ins Tor, wo ich versagte. Die Mädchen machten die ersten Erfahrungen mit Kindermännern aus der Neunten und verspotteten uns aus der Siebten für unser frühes Entwicklungsstadium. Informationstechnisches Grundwissen hieß eine Lehrplaneinheit im Matheunterricht der Achten, in der es am Schluss keine Benotung gab, weil alle außer mir durchgefallen wären.

Doch dann kam langsam der PC bei der Masse an und damit wurde aus Hass eine Hassliebe. Als ich mit 13 in QuickBasic meine ersten Schritte unternahm, da schwitzte Tim Berners-Lee vermutlich gerade über dem ersten Prototyp eines Webservers. Wer ein Modem hatte, der hatte vielleicht schon ein 14,4er – unser heutiger DSL-Annschluss ist ca. 1388 Mal schneller. Mit dem Modem konnte man sich zu einer Mailbox verbinden – natürlich zum teuren Minutentarif – um mit etwas Glück mit anderen Langhaarigen einen Chat haben. Doch der Kern der Geschichte: Es gab weder Google noch Wikipedia noch überhaupt irgendwie Internet für die Leute außerhalb der Universitäten. Wer was wissen wollte, der ging in die Bücherei, die über Computer kaum was hatte, kaufte in der fernen Kleinstadt Tübingen ein teures Buch, oder fragte seinen Freak-Vater, insofern er einen hatte. Er ist schon richtig, denn Mädchen mit Programmierabsichten waren zunächst nicht gegeben.


In dieser Informationswüste ohne Verbindung zwischen den einzelnen Rechnern gab es mich und ich hatte eine Schachtel mit Disketten. Eine DOS-Bootdiskette und eine Diskette mit F-Prot Antivirus und noch diverse andere Arzneien. Außerdem befand sich in der Schachtel ein Kreuzschlitz-Schraubendreher. Trotz der nicht vorhandenen Verbindung zwischen Rechnern fingen sich so ab der Neunten die fast schon Alltag gewordenen Computer der Mitschüler immer wieder Krankheiten ein. Man unterschied zwischen normalen Viren und Bootsektor-Viren. Die Hardware machte öfter mal Abkacker, denn der PC war ein Billigprodukt für den Massenmarkt geworden. Auch gab es Rechner, in denen die Einzelteile herumpolterten, weil man sie mal aus Versehen vom Tisch hatte fallen lassen. Mit der Alltagwerdung des Computers begann die Liebe zum Freak. Man mochte ihn nicht, er sah komisch aus, redete öfter wirres Zeug und tat mit dem eigenen digitalen Schätzchen seltsame Dinge. Aber am Schluss war die Kiste zumeist geheilt und man konnte wieder seine Spiele zocken, und dafür liebte man den eigentlich ungebetenen Gast.

Die Neunziger rasten und Tim Berners-Lee hatte das Monster gestartet. Unaufhaltsam krochen Internet und World Wide Web in die Schulen und dann in die elterlichen Arbeitszimmer. Man begann, wenn auch zunächst nur zögerlich, mit dem Aufpumpen der Dotcom-Blase. Der Computer war überall und nun waren auch schon Kleinselbstständige und selbst Lehrer von ihm abhängig geworden. Der Freak konnte so schon im Schüleralter mit kleinen Dienstleistungen sein Taschengeld merklich aufbessern. Was ihm die Mitschüler neideten. Das erste mal im Web surfte ich an meines Vaters Arbeitsplatz in der Universität. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutete, doch schon im die Jahrtausendwende verdiente ich Geld mit dem Web. Die Verbindung von Programmierung und Webdesign, was heute Routine ist und Web Application heißt, da konnte damals die ortsansässige Konkurrenz nicht mitziehen. Die waren froh, wenn sie Hello World in JavaScript konnten, während der Freak auf JavaScript herabgrinste und sich überlegte, ob er serverseitig lieber Perl oder PHP benutzen wollte, während Offline-Anwendungen gerne in Object Pascal aka Delphi entwickelt wurden.

Derartiger Multilingualismus war der Normalbevölkerung (»On/Off - soll ich da mal draufdrücken?«) natürlich keine Anerkennung wert. Auch die Fähigkeit, einen Linux-Rechner mit einer Menge Virtual Hosts zu administrieren, fand keinen Anklang. Noch weniger Anklang fand die Entscheidung, das von mir im persönlichen Betrieb schon 1998 gänzlich abgeschaffte Microsoft Windows bei anderen Leuten nur noch bei guter Bezahlung zu reparieren. Doch was wollten sie machen, sie hatten sich abhängig gemacht, da sie die Technologie, nicht aber das Know-How erworben hatten. Reich wurde ich nie, aber es war für Schülerverhältnisse ein angenehmer Wohlstand.

Parallel zu all dem formierte sich eine kleine Gruppe Pubertierender, die sich eine jugendliche Gegenkultur erschuf. Unsere Helden waren wie wir keine Helden aus der Bundesliga oder aus der Glotze, sondern eher Assembler-Programmierer oder Kernel-Hacker. Mehrmals trafen wir uns mit unseren Computern, um spontan größere Netzwerke aufzubauen; natürlich mit Thin Ethernet, denn das gab es nun überall billig. Wir tranken teure aus den USA importierte Jolt Cola und fraßen tonnenweise ekelhafte Fertigpizzen. Dazu zockten wir Doom oder Quake, rippten in halber Echtzeit die ersten MP3s, aber nur die wichtigsten Songs, denn Festplatten waren von der Kapazität her kaum größer als CDs. Zum Standard bei solchen Meetings, die wir nach einem großen Vorbild schlicht HIP nannten, gehörte allerdings auch das Programmieren in allen möglichen Sprachen und das konfigurieren aller möglicher Hard- und Software. Wir bauten uns aus alten Rechnern mittels speziellen Linux-Distributionen unsere NAT-Router selbst, denn damals waren diese Kästchen unerschwinglich, die heute bei jedem DSL-Anschluss gratis mitgeliefert werden. Wir lernten Mädchen über das Internet kennen und der eine oder andere verliebte sich. Auch das wurde von den anderen mindestens als sonderbar angesehen, in Einzelfällen vielleicht sogar als pervers.

Heute scheint es sie nicht mehr zu geben, die Computer Kids. Die Computer von heute heißen iMac und sind keine Herausforderung mehr. Man schaltet sie ein, dann tun sie was man will. Und wenn nicht, dann nölt man in seinem Blog herum. Oder man findet via Google in Minuten eine Lösung oder gar ein Programm, das die neue Aufgabe kostenlos für einen übernimmt. In den 90ern tat der Computer erst mal nichts Spannendes aber mit QuickBasic konnte man ihn besiegen. Er war eine Herausforderung, die geknackt werden musste. Und wer Wissen hatte, der hatte ein Privileg.

Mein Informatiklehrer sagte Jahre später mal, kein Jahrgang nach uns habe uns seitdem toppen können, was die Fertigkeit im Umgang mit Computern angehe. Doch fehlender Nachwuchs macht mich nur rarer und damit teurer. Auch die Haltung der anderen von damals ist mir gleichgültig geworden.