OB-12 Teil 6: Der Arpeggiator und seine Latenz

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 5. Juni 2007 um 22:17 in OB-12
Ein Arpeggiator ist heutzutage fast nichts besonderes mehr. Wie schon erwähnt machte ich das erste mal mit einem Korg Poly61m die Erfahrung, wie viel Spaß selbst ein einfacher Arpeggiator machen kann. Heute findet man den in besserer Software auf jedem PC oder Apfel wieder. Im Studio ist er also ein zu vernachlässigendes Feature geworden, wenn es um Synthesizer geht. Bleibt also der Einsatz auf der Bühne. Doch genau hier gibt es beim OB-12 ein gewisses Problem... doch der Reihe nach.

Der Arpeggiator an sich präsentiert sich an der Oberfläche ganz gewöhnlich. Man kann das Tempo einstellen, eine hold-Funktion ist da. Von 0 bis +3 Oktaven Range und Up/Down oder Zufall stehen zur Verfügung. Das Pattern ist standardmäßig Achtel. Auf der zugehörigen Menüseite kann man allerdings noch weitere Patterns auswählen, auch »krumme«, allerdings kann man selbst keine definieren. Hier läßt sich die Lautstärke des Tons von ein paar fest eingestellten Werten auf linear (in Bezug auf den Tastaturanschlag) oder einer Betonung des »signifikanten« Schlages im Pattern einstellen.

Der Arpeggiator ist damit weniger flexibel als viele andere. Man übersieht jedoch leicht, daß der Spaß mit dem Arpeggiator nicht dadurch zustande kommt, daß man freakige Patterns zur Verfügung hat, sondern daß man den kleinen Melodiezwerg im Synthesizer so mit der Tastatur füttert, daß er mit einfachen Patterns lustige Lieder singt. Über MIDI mit Drumcomputer und Effekten taktsynchron gehalten sollte sich also auch live eine Menge Spaß breit machen können.

Doch leider macht einem der OB-12 hier einen Strich durch die Rechnung. Drückt man eine Taste, so springt der Arpeggiator wie gewollt an. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis mir klar wurde, warum mich das immer verwirrte: Er springt zu spät an. Vom Tastendruck bis zum Einsetzen des ersten Tons vergeht immer eine gewisse Zeit. Um dies hörbar und sichtbar zu machen griff ich zum folgenden Trick: Über ein Masterkeyboard steuerte ich zwei Synthesizer per MIDI an. Die Ausgänge dieser nahm ich mit einer Mehrspurmaschine auf. (Hörbeispiel: Siehe unten). Hier zunächst ein Screenshot vom Anfang einer kleinen Melodie, gespielt ohne Arpeggiator, dargestellt in Ardour. Die obere Spur ist der OB-12, die untere ein Roland Juno 106.


OB-12 (oben) und Roland Juno 106 (unten) manuell über MIDI angesteuert

Das etwas verspätete Eintreffen des OB-12 ist in meinen Ohren nicht hörbar. Es kann mehrere Ursachen haben. Als Masterkeyboard diente ein Kawai MP900, angeschlossen an eine Kawai MAV-8 MIDI-Patchbay. Die Patchbay verteilte das Signal zum Juno 106 und zum Oberheim OB-12. Vom Juno 106 wurde das entstandene Audiosignal in ein Behringer DDX3216 Digitalmischpult geleitet. Ebenso vom OB-12, hier jedoch über den SPDIF-Eingang des Pultes. Die Verzögerung könnte theoretisch also auch vom permanent aktiven Sampleratekonverter an diesem Digitaleingang stammen. Vom Pult ging es über ADAT digital in eine RME Hammerfall Soundkarte, von dort in Ardour. Die am oberen Rand sichtbare Zeitskala ist die SMPTE Clock.

Aktiviert man nun den Arpeggiator, so ergibt sich ein deutlich anderes Bild: Der OB-12 kommt sichtbar und vor allem hörbar zu spät. Also lieber per MIDI synchronisieren? Das ist leider nicht möglich. MIDI überträgt zwar das Tempo, nicht aber die Position der Taktschläge. Start/Stop-Anweisungen kann der OB-12 nicht verwerten. Und wenn er es könnte, wäre er dann vielleicht auch zu spät dran?


Arpeggiator des OB-12 (oben) und Roland Juno 106 (unten) über MIDI angesteuert

Eine andere Möglichkeit wäre, einen bestimmten SysEx-Befehl abzusetzen. Die Bytefolge F0 31 30 00 04 00 66 01 33 F7 sollte den Arpeggiator an- und ausschalten. Das schrieb mir zumindest der äußerst kompetente Support von Oberheim-Viscount. Da ich Sequenzer nur eingeschränkt einsetze und keinen griffbereit habe, in dem ich SysEx direkt eingeben kann, blieb diese Funktion bisher ungetestet. Die Frage bleibt offen, in wie weit sie das Problem lösen könnte.

Hier noch das versprochene Hörbeispiel: Auf dem Linken Kanal ist der OB-12 zu hören, auf dem rechten der parallel angesteuerte Juno 106. Im ersten Teil erklingt eine kleine, manuell gespielte Melodie, im zweiten ist der verzögert einsetzende Arpeggiator zu vernehmen.

[Arpeggiator mit Latenz herunterladen]

So werde ich den Arpeggiator wohl nur im Studioumfeld einsetzen können - denn in Ardour oder einer anderen Recording-Software kann man ja die Latenz wieder manuell wegoperieren. Wer Logic benutzt kann aber gleich den dort an Bord befindlichen Arpeggiator nutzen. So verspielt der OB-12 auch mit der letzten jemals verfügbaren Firmware-Version ein leckeres Feature für den Live-Betrieb.

Über die Latenzerscheinungen bei überlagerten Timbres (Layers) schreibe ich ein andermal.

OB-12 Teil 5: Filter

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 25. April 2007 um 11:48 in OB-12
Im letzten Artikel dieser Serie ging es um die Oszillatoren des Oberheim OB-12. Bevor es also um Klänge an sich und das Pro und Contra dieser Maschine geht bewege ich mich mit diesem Artikel weiter in der klassischen Schaltungskette Oszillator-Filter-Verstärker. Außerdem ist das1 Filter ja die Komponente im Synthesizer, die einen wesentlichen Teil des Klangs ausmacht. So sieht also die Benutzeroberfläche des Filters aus:

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Die drei Knöpfe links oben sind dabei ziemlich standard: Cutoff-Frequenz, Keyboard-Tracking und Resonanz. Das Keyboard-Tracking wird in Werten von -50 bis 50 eingestellt und es ist etwas schleierhaft, was dabei einer Oktave entspricht, wie z.B. beim Korg Trident MK2 so schön dargestellt in den Schritten off, quarter, half, full, over. Dennoch glänzt der OB-12 mal wieder mit Feature-Vielfalt, denn negative Werte bedeuten logischerweise, daß die Cutoff-Frequenz um so größer wird, um so tiefer der gespielte Ton. Als normal würden wir vermutlich eine Einstellung empfinden, die den Cutoff mit der Tonhöhe transponiert. Der genannte Wertebereich ermöglicht aber auch als abnormal oder unnatürlich wahrgenommene Sounds.

Nicht fehlen darf natürlich die Hüllkurve, die ihre Regler gleich nebenan hat. Während der Oszillator-eigene Hüllkurvengenerator nur Attack und Decay an der Oberfläche zur Verfügung stellt gibt es beim Filter-Hüllkurvengenerator eine volle ADSR-Ausstattung. Und wenn man genau hinschaut - nämlich in das Menü, das sofort auftaucht wenn man am Filter was einstellt - entdeckt man, daß alle Hüllkurvengeneratoren des OB-12 nicht nur zwei Decay-Phasen haben sondern auch eine Sustain Time beherrschen über die man die Klaviatureingabe zum anstoßenden Trigger umfunktionieren kann. Gespielte Tonlängen sind dann irrelevant, was Glocken- und Percussion-Sounds entgegen kommt. Außerdem läßt sich noch der Einfluss von LFO1 regeln, wobei hier auch Werte von -50 bis 50 zur Verfügung stehen. Somit kann der LFO auch invertiert wirken und damit gegenläufig zu Modulationen an anderer Stelle. Auch dies ist eine Möglichkeit, die viele andere Synthesizer nicht bieten.

Oberheim-Viscount sagt, das Filter sei nach analogem Vorbild modelliert werden. Wenn ich es mit dem Korg Trident MK2 oder dem Roland Juno 106 vergleiche, dann ist der Klang allerdings nicht wirklich analog. Wenn man die Filter-Resonanz voll aufreißt kann man bei einem Analogsynthesizer immer noch Klang erwarten, außer vielleicht wenn die Filter ganz schlimm dejustiert sind. Beim OB-12 gibt es dann ziemlich üblen Lärm. Der Juno 106 bietet die Möglichkeit, die Oszillatoren auszuschalten und nur mit der Filter-Resonanz zu musizieren. Wenn ich mich richtig entsinne ging das bei meinem auch noch, als er neu war. Mittlerweile hat sich die Resonanz verstimmt, so daß es etwas atonal wird. Der OB-12 kann ohne Input am Filter nicht resonieren. Die Resonanz hört sich auch anders als beim Juno 106 an. Ob sie sich genau so wie bei einem alten Oberheim anhört, darüber vermag ich keine Aussage zu treffen.

Wie klingen nun also die Resonanzen? So hört es sich an, wenn man bei einem Juno 106 die Cutoff-Frequenz auf Reglerstellung 50% stellt, gleich gefolgt vom OB-12. Danach: Das passiert, wenn man die Resonanz von gemäßigt auf voll aufdreht und dann die Cutoff-Frequenz ebenfalls voll aufdreht, wieder Juno 106 und OB-12. Bei letzterem Experiment habe ich das Signal des OB-12 um 12dB abgeschwächt um Gehör- und Lautsprecherschäden etwas einzudämmen.

[Hörbeispiel herunterladen]

(Anmerkung: Dieses Klangbeispiel ist in mit Absicht als 320kbps MP3 encodiert. Bei niedrigeren Bitraten war immer ein deutliches Rauschen im Vergleich zur WAV-Datei zu hören. Wer es nicht glaubt kann sich hier die FLAC-Version herunterladen und selbst mit dem Lame-Encoder spielen.)

Das wesentliche Merkmal des Filters des OB-12 habe ich bisher verschwiegen: Es handelt sich um zwei Filter. Diese können in den Modi seriell, parallel und gesplittet betrieben werden. Seriell verketten sich die zwei 12dB/Okt-Filter zu einem 24dB/Okt-Filter. Parallel agieren sie als zwei Mal 12dB/Okt. Dabei kann die Cutoff-Frequenz des zweiten Filters relativ zu der des erstens eingestellt werden. Die Werte bewegen sich auf einer Skala von -96 bis +24 und es ist nicht so ganz klar, ob dies einfach Werte oder Oktaven sind. Im Split-Modus kann man für jedes Filter den Eingang wählen. Zur Auswahl stehen die Ausgänge von OSC1, OSC2, der Ausgang des Ringmodulators, der Mix der Oszillatoren und der Ausgang des Rauschgenerators. Parallel oder gesplittet bietet die Filter-Abteilung einen Überblendmischer im Menü an, mit dem das Verhältnis der Ausgänge der beiden Filter geregelt werden kann.

Diese Features bieten unzählige Möglichkeiten, erfordern aber auch mehr gedankliche Vorarbeit. So wäre es z.B. nutzlos, nach einem Tiefpassfilter zwei Oktaven höher noch Hochpassfilter zu platzieren - vermutlich ist von dem was man filtern möchte kaum noch etwas übrig. Hier kommt eine weitere Tatsache ins Spiel: Die Filter sind nicht nur als Tiefpass verfügbar, es existieren auch noch Hochpass, Bandpass und Bypass2. Obwohl ich den Synthesizer nun schon eine Weile mein eigenen nenne bin ich noch weit davon entfernt, alle Klangmöglichkeiten der Filter-Abteilung zu kennen.

Auch wenn die Filter nicht wirklich analog klingen machen sie den OB-12 zu dem was er ist: Die vielfältigen Möglichkeiten der Filter-Konfiguration erlauben Klänge, die man sonst nicht bekommen könnte. Und außerdem hat ja auch niemand außer vielleicht die Werbung behauptet, daß der OB-12 wirklich mit analogem Klang aufwarten könne.

Es folgt nun noch ein kleines Hörbeispiel. Zusätzlich zu den in diesem und im vorigen Artikel besprochenen Möglichkeiten kann man dabei noch die noch zu besprechende Portamento-Funktion sowie die Effekt-Abteilung und einen der zwei LFOs hören:

[Hörbeispiel herunterladen]


1: Nach genereller Konvention und meinem Wissen heißt es im Deutschen das Filter, wenn Signale gefiltert werden, also z.B. bei Tönen. Der Filter heißt es, wenn Material gefiltert wird, z.B. beim Kaffeefilter.
2: Ich verzichte hier bewusst auf den Begriff Allpass, da bei diesem im Gegensatz zum Bypass eine Phasenverschiebung auftritt. Näheres im Buch Synthesizer von Florian Anwander, 4. Auflage 2006, Seite 59.

OB-12 Teil 4: Oszillatoren

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 28. März 2007 um 21:13 in OB-12
Wie versprochen gibt es was auf die Ohren. In diesem Artikel beschäftige ich mich zunächst einmal mit den Oszillatoren des OB-12 und deren Möglichkeiten. Da dabei die Filter-Section abgeschaltet war klingen die Beispiele sehr rauh und kratzig, zum Teil sogar richtig fies und unangenehm. Auf dem nun folgenden Foto sind die Einstellmöglichkeiten von Oszillator 1 zu erkennen:

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Links sind die drei verfügbaren Wellenformen zu sehen, die Fader bestimmen die jeweils die Lautstärke. Mit dem Taster darunter können die Wellenformen abgeschaltet werden. Rechts unten befindet sich der Regler für die Tiefe Pulsweitenmodulation der Rechteckschwingung, die - anders als es der Taster zunächst vermittelt - nicht wahlweise sondern gleichzeitig von den Quellen LFO1, LFO2 oder dem Oszillator-eigenen Hüllkurvengenerator gesteuert werden kann. Darüber der Intensitätsregler für die Pitch-Modulation durch LFO1.

Auffallend hierbei ist die Beschriftung OSC1 PARAM. Sie steht für einen Parameter der jeweiligen Wellenform, der mit dem Knopf WAVE CTRL eingestell werden kann. D.h. bei einer Rechteckschwingung wird die Pulsweite eingestellt, bei einer Sägezahn- oder Dreieckschwingung passieren ganz andere merkwürdige Dinge. Wie sich die Schwingungen klanglich jeweils verändern wird im Hörbeispiel deutlich. Sehen kann man die Veränderung schematisch in der automatisch eingeblendeten Oszilloskopansicht, auf einem richtigen Oszi oder mit jedem Aufnahmeprogramm, wenn man nahe heranzoomt. Die folgende Abbildung wurde mit der Phonetiksoftware Praat erstellt, da diese Grafiken exportieren kann.

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Die Abbildung zeigt, die der OSC PARAM-Regler eine Sägezahnwelle mutieren lässt. Das ist dem OB-12 aber noch nicht genug. So können nicht nur die Pulsweiten der Rechteckschwingungen von OSC1 und OSC2 von jeweils eigenen Hüllkurvengeneratoren gesteuert werden, diese können natürlich auch jeweils die Tonhöhe steuern. Die Ergebnisse tendieren allerdings schnell dazu, den musikalischen Bereich zu verlassen.

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Der zweite Oszillator verfügt über andere Besonderheiten: Er kann - wie es sich für einen klassischen Synthesizer gehört - zum ersten verstimmt werden. Dazu steht eine Feinstimmung zur Verfügung. Zusätzlich kann er frei von -24 bis +24 in Halbtonschritten eingestellt werden. Das Keyboard Tracking kann deaktiviert werden, dann Schwingt der Oszillator auf einer fest eingestellten Frequenz. Im SYNC-Modus werden die Nulldurchgänge nach Möglichkeit zeitlich auf die vom ersten Oszillator geschoben. Unabhängig davon können beide Oszillatoren jeweils über 5 Oktaven transponiert werden.

Da bleibt eigentlich nur noch eines zu klären: Wie kommen die Oszillatoren zusammen? Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Abgesehen von der Möglichkeit, OSC1 von OSC2 modulieren zu lassen gibt es einen normalen »Mischer«, der aus drei Überblendreglern besteht: Der erste regelt den Anteil von Oszillator 1 zu Oszillator 2. Der zweite den Anteil dieser Mischung zum im Ringmodulator gemischten Signal der beiden, der dritte den Anteil der bisherigen Mischung zu Rauschen.

[Oszillator-Hörbeispiele herunterladen]

Und wie klingt das nun? Im obigen Beispiel sind in dieser Reihenfolge zu hören:
  1. Pulsweitenmodulation Rechteckschwingung.
  2. WRAP-Parameter der Dreickschwingung.
  3. SPREAD-Parameter der Sägezahnschwingung, wie ausschnittweise oben abgebildet.
  4. Tonhöhenveränderung durch Pitchüllkurve (positiv, negativ).
  5. Modulation OSC1OSC2 mit OSC2 eine Oktave tiefer.
  6. Modulation OSC1OSC2 mit OSC2 eine Oktave tiefer und aktivierter SYNC-Funktion.
  7. Modulation OSC1OSC2 mit OSC2 auf der gleichen Oktave, ohne SYNC.
  8. Überblendung der beiden Oszillatoren, gegeneinander Verstimmen derselben.
  9. Überblendung per Ringmodulator, Übergang in Rauschen.
Die Aufnahme ist mit Absicht nicht voll ausgsteuert, da die Klänge durchaus fies sein können. Im weiteren Verlauf dieser Serie werden die produzierten Geräusche hoffentlich immer weniger lärmig und immer mehr musikalisch werden.

OB-12 Teil 3: Bedienkonzepte

Geschrieben von DrNI am Freitag, 16. März 2007 um 18:12 in OB-12
Es wird Hörbeispiele geben. Später. Zunächst einmal ein Artikel über das Bedienkonzept des OB-12 Synthesizers. Das Gerät ist ein virtuell-analoger Synthesizer nach dem Vorbild alter Schlachtschiffe aus den 70ern und 80ern. Untrennbar mit diesen Schlachtschiffen der Klangsynthese war die Tatsache verbunden, daß für jede Funktion des Geräts ein Dreh- oder Schieberegler existierte. Zunächst war in den Geräten reine Analogtechnik am werkeln, später wurde diese von einfachen Prozessoren gesteuert, was auch ein Abspeichern der eingestellten Klänge erst möglich machte. Displays gab es keine oder sie wären zu teuer gewesen und so wurden auch erst spätere Geräte mit einem 2-Stelligen LED-Display ausgestattet, das die Nummer des aktuellen Speicherplatzes anzeigte.

Mit den Virtuell-Analogen war dann sowieso ein Computer an Bord und Displays waren günstig geworden. Nun waren auf einmal die Regler die teurere Lösung und schon fielen sie unter den Tisch. Der Korg Poly 61m war ein früher Vertreter dieser Generation, in seiner Klangerzeugung noch analog erfolgte die Programmierung der Sounds über Taster und zwei LED-Displays, das eine zeigte den einzustellenden Parameter und das andere den Wert dafür. Der Nachteil liegt auf der Hand: Ein schneller Zugriff auf die Parameter ist nicht mehr möglich. Vor allem im Live-Betrieb sind solche Kisten nur eingeschränkt einsetzbar. Zwar können über MIDI-Controller die meisten Parameter ferngesteuert werden und man erhält seine Regler zurück, aber es ist nicht das selbe.

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Oberheim-Viscount baute also beim OB-12 wieder Regler für alle Parameter ein. Oder sagen wir einmal: Für fast alle. Außerdem wurden die Regler mit dem Display verknüpft. Das funktioniert so: Sobald man einen Regler bewegt schaltet das Display zur entsprechenden Menüseite. Dort bekommt man dann zusätzliche Informationen bzw. eine Übersicht über die Einstellungen eines gesamten Bereichs. Auch kann man die Werte hier ganz exakt mit dem Datawheel eingeben, das Display verhält sich wie ein Formular in dem man mit den Cursortasten navigiert. Der Blick auf das Display ist aber meistens nicht nötig, die Regler zu bewegen genügt.

Ein wirklich schönes Feature ist die schematische Oszilloskop-Ansicht. Sobald man einen entsprechenden Parameter eines Oszillators ändert erscheint eine schematische Darstellung der produzierten Wellenform. Ich habe Synthesizer erst begriffen, als ich meinen Roland Juno 106 an ein Oszilloskop anstöpselte - hier ist das nicht nötig, das ist schon eingebaut. Auch die Hüllkurven werden grafisch dargestellt. Diese Funktionalität kenne ich ansonsten nur von meinem Yamaha A4000 Sampler, der natürlich die Samples als Wellenform (ähnlich einem Sound-Editor am Computer) darstellen kann. Abgesehen davon kenne ich persönlich keinen Synthesizer, der eine Wellenform-Ansicht implementiert hat. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt: Die Oszi-Ansicht zeigt immer nur eine der drei Wellenformen eines Oszillators an. Um die Summe zu sehen muß man im Program- oder Timbre-Modus (wird in einem späteren Artikel diskutiert) die »Scope«-Seite des Displays aufrufen. Und selbst dort gibt es keinen Mix der Oszillatoren zu sehen.

Und dann braucht man das Display doch für Menüs: Da gibt es ein paar Fälle. Abgesehen natürlich von den System-Einstellungen hat der OB-12 Funktionen, die nicht per Regler zugänglich sind. Dazu gehören die vollständigen Pitch-Hüllkurven. Diese sind per Regler nur als Attack und Decay ausgeführt. Ebenso gehört dazu das Tiefpassfilter der LFOs (welches die meistens Synths aber sowieso nicht haben). Auch die Effekt-Parameter lassen sich nur eingeschränkt über die Regler betätigen: Man kann von Level auf Parameter umschalten und somit entweder die Effektlautstärke oder einen (konfigurierbaren) Parameter regerln. Der Rest erfolgt im Menü. Das gilt auch für die Pattern-Auswahl des Arpeggiators.

Noch eine nützliche Funktion lässt mich öfter auf das Display schielen: Bei den meisten Synthesizern führt eine Reglerbewegung dazu, daß der Parameter sofort auf den neu eingestellten Wert springt. Beim OB-12 kann dieses Verhalten so eingestellt werden, daß man erst den eingestellten Wert »erfahren« muß bevor er sich ändern lässt. Da hilft ein Blick auf das Display, um zu sehen wie der Wert überhaupt steht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Gewöhnung. Diese Funktion ist für alle Regler verfügbar bis auf Main Volume und Pitch- und Modulationsrad.

Eine schöne Lösung ist Viscount auch beim Benennen der Sounds eingefallen: Hier können die Namen über die Nummerntastatur ähnlich einer SMS eingetippt werden. Das nervige durchzappen durch das gesamte Alphabet entfällt, bleibt aber den Gewohnheitstieren als Möglichkeit erhalten. Im System-Menü sind allen Menüpunkten Zahlen vorangestellt, so daß man ebenfalls mit der Nummerntastatur schnell vorankommt, in der ja auch die Enter-Taste untergebracht ist.

Alles in allem ist Oberheim-Viscount eine vorbildliche Benutzerführung gelungen. Diese an sich macht einen Blick ins Handbuch unnötig. Das braucht man dann, wenn man die klanglichen Möglichkeiten nicht sofort durchsteigt. Der Rest ist intuitiv, es ist alles so angelegt, daß ich es ohne viel Nachdenken benutzen kann.

Im nächsten Artikel dieser Serie werde ich mit einer Besprechung der Oszillator-Gruppen in das Thema Soundgestaltung einsteigen.

OB-12 Teil 2: Optik & Haptik

Geschrieben von DrNI am Samstag, 10. März 2007 um 12:03 in OB-12
Was ich eigentlich ganz gerne mache, wenn ich ein neues Instrument kennenlerne, ist: Zunächst Anschauen und dann berühren. Besonders bei Keyboards und Synthesizern ist man natürlich sofort versucht, die Klänge auszuprobieren. Meistens erfährt man aber (im Idealfall vor einem Kauf) schon durch Äußerlichkeiten ohne Klang einiges über das Gerät. Beim Oberheim OB-12 hielt ich es genauso: Vor dem ersten Einschalten befingern!

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Look: Aussehen tut die Maschine prächtig. Das kräftige Blau ist eine Abwechslung zum langweilenden Plastikschwarz neuer Geräte und hebt sich auch vom dunkelgrau lackierten Blech der 80er-Jahre-Synthesizer ab. Schön, daß Oberheim-Viscount auch das silbern lackierte und sehr billig wirkende Plastik ausgelassen hat, mit dem sich Yamaha bisweilen abgibt. Blau lackiertes Metall mit gut lesbarer weißer Beschriftung, das ist gelungen. Wie bei einem klassischen Synthesizer dürfen natürlich die Seitenelemente aus Holz nicht fehlen. Diese sind in einem dunklen Grau gehalten, das den Holzcharakter sehr verfremdet. Man muß schon zwei Mal hinschauen. Dunkles Holz mit Klarlack wie beim Oberheim Cosmos Stage Piano hätte ich auch gut gefunden. Die Anschlüsse hinten wirken etwas grobschlächtig, sind aber typisch für Oberheim-Viscount. Schlecht sind die fest eingeschraubten Buchsen jedenfalls nicht, da ein kräftiger Ruck am Kabel so nicht gleich die Lötstellen auf der Platine belastet.

Feel: Die Drehregler fühlen sich sehr gut an. Die Knöpfe sind gummiert, sie geben sich griffig und gut handhabbar. Wo es sinnvoll ist haben sie Mittenrasten. Anders die Schieberegler. Die fühlen sich im direkten Vergleich zum Roland Juno 106 etwas klapprig und billig an. Auch fehlen hier die Mittenrasten bei Einstellungen, die solche sinnvoll erscheinen lassen. Die Drehräder (Pitch- und Controlrad) sind ebenfalls gummiert, was zunächst ungewohnt ist, dann aber gefällt. Die 49-Tasten-Klaviatur ist synthesizer-typisch aus leichtem Plastik. Sie klappert nicht, macht auch sonst keine unangenehmen Geräusche und ist in etwa mit der des Roland Juno 106 vergleichbar. (Zwischenbemerkung: Meine alten Korg-Synthesizer hatten klapprigere und schlechtere Klaviaturen, ebenso scheint mir der ganz neue Roland Juno D verkürzte Tasten zu haben, was Klavier-Klaviatur-geübtes Spielen sabotiert.) Damit ist noch nichts über die Umsetzung von Anschlag und Aftertouch in Steuerung gesagt.

Bis auf die etwas klapprigen Schieberegler ist also optisch und haptisch alles top. In weiteren Posts in dieser Serie und Kategorie wird es dann um Klänge, Funktionen und Vergleiche mit anderen Synthesizern gehen.

Männer brauchen (laufend neue) Spielzeuge / OB-12 Teil 1: Arpeggiator

Geschrieben von DrNI am Freitag, 9. März 2007 um 20:17 in OB-12
Als Musiker hat mann den Vorteil, dabei das Angenehme mit dem Angenehmen verbinden zu können. Denn die neuen Spielzeuge machen meist auch bisher unbekannte Töne. Nachdem mein Korg Trident MK II im Dezember schon angekündigt hatte, wieder einmal defekt zu sein und sich die Reperatur als größere Herausforderung herausstellte, bei der unter Umständen teure externe Hilfe angefordert werden muß, war dann die Entscheidung gefallen...

Der Synthesizer Oberheim OB-12 soll der Nachfolger werden. Heute fand er seinen Weg zu mir. Ein Faszinosum. Unendlich viele Knöpfe, Schieberegler, Taster, zwei Räder, ein Touch-Controller. Genug Erkundungsmöglichleiten für die nächsten Wochen und Monate. Ein erster spontaner Ausflug in die Klangwelt hört sich so an:

[Endloses Arpeggio herunterladen]

Dabei hat der Synthesizer so gut wie von allem etwas, was ich bisher in den Synthesizern, die ich besaß und besitze antreffen durfte. Und so testete ich natürlich sofort den Arpeggiator aus, den ich seit dem Verkauf meines Korg Poly61m schmerzlich vermißt hatte. So schmerzlich, daß ich nun stundenlang Arpeggios fabrizieren könnte. Und damit ist Teil 1 einer neuen Reihe hierzublog geboren.

Aber das würde ja niemand (außer mir) aushalten, deswegen ist obiger Ausschnitt nur etwa drei Minuten lang.

Fotos folgen, irgendwann. Analogkamera, Sie wissen schon...


Nachtrag: Es handelt sich lediglich um den etwas manipulierten Preset-Sound »A-064 Chimney«