Geschrieben von
DrNI
am Samstag, 7. August 2010
um 16:02
in
Direktsaft
Als
Halblinguist bin ich immer wieder erstaunt bis genervt ob der Tatsache, dass Menschen meinen, durch erzwungene Veränderung von Sprache die Welt verändern zu können. Da spielt die gute (bzw. schlechte) alte
Sapir-Whorf-Hypothese mit rein, die annimmt, dass der Mensch nur sprachlich denke und daher sein Denken von den Möglichkeiten seiner Sprache geformt sei. Würde der Mensch anders sprechen, so würde er anders denken. Die letzte Konsequenz aus dieser Denke findet sich in Orwells Roman
1984: Die Menschen benutzen nur noch die Sprache
Neusprech, in der bestimmte Arten zu denken gar nicht möglich sind. Auch Noam Chomsky, der Papst der Linguistik, vertrat unlängst bei einem Vortrag in Stuttgart als die Meinung, das menschliche Denken finde in Sprache statt. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass Sprache eher eine Art ›Symptom der Gedanken‹ ist und dass wir die Dinge in der Welt als nichtsprachlich gespeicherte Konzepte in unseren Köpfen herumjonglieren. Könnte man das mit größerer Sicherheit wissenschaftlich nachweisen, so wären Sapir und Whorf erstmal passé und die schöne Idee aus
1984 würde genau so sinnlos werden das Gepansche, um das es im Folgenden gehen soll.
Die Sprachveränderung, oder vielmehr -verhunzung im Dienste der Gleichstellung ist im Deutschen omnipräsent. Da möchte ich gleich vorneweg mal eine Frage ins Publikum werfen: Wenn es im Englischen an Berufsbezeichnungen (z.B.
cleaner für
Putzfrau|mann) nicht möglich ist, das Geschlecht zu unterscheiden, werden dadurch Frauen in englischsprachigen Ländern weniger benachteiligt als im deutschsprachigen Raum? Aber nicht nur Frauen und Männer sollen gleichgestellt sein. Aus
Behinderten wurden
Menschen mit Behinderung, aus
Studenten/Studentinnen wurde
Studierende, was besonders zweifelssinnig ist, da es nur im Plural ohne Genus zu verwenden ist. Unlängst präsentierte die Uni Tübingen
den/die Studierende/n des Tages. In Stellenanzeigen wird genus- und geschlechtsneutral und in coolem Englisch ein
Sales Manager gesucht, aber weil das nicht neutral genug ist, wird die Neutralität nochmal überbetont:
Sales Manager (m/w).
Provokante Zwischenfrage: Wenn ein Rollstuhlfahrer in einem öffentlichen Gebäude vor einer unüberwindbaren Treppe steht, hilft es ihm dann, kein
Behinderter sondern ein
Mensch mit Behinderung zu sein? Gut, mit dieser Bezeichnung möchte man vielleicht betonen, dass Behinderte auch Menschen sind. In was für einer Welt leben wir denn, wenn man das extra betonen muss? Liebe Leser, fühlt doch mal in den Ausdruck
Mensch weiblichen Geschlechts hinein – ist es nicht diskriminierend, extra zu betonen, dass Frauen auch Menschen sind? Oh, kapitaler Fehler! Frauen und Behinderte dürfen nicht in einem Satz genannt werden, denn das diskriminiert Frauen. Halt, stopp! Wenn behindert sein nichts schlimmes ist, warum diskriminiert es dann Frauen, zusammen mit Behinderten genannt zu werden? Und so weiter, bis sich alles in einer Logikwolke auflöst und verpufft.
Zur Welt unabhägig von Sprache gibt es folgendes zu Sagen: Wir suchen Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Soll heißen, der Behinderte möchte genau wie der Nichtbehinderte die Treppe hoch. Hier ist der Behinderte im Nachteil, also gehen wir auf seine besondere Situation ein und bauen eine Rollstuhlrampe. Damit hat der Behinderte die gleiche Chance wie die anderen. Und zwar nicht, weil wir ihn umgetauft haben sondern weil wir die Welt angepasst haben. Frauen bekommen Kinder. Männer können da machen was sie wollen, mangels passender biologischer Ausstattung können sie das halt nicht. Dadurch haben Frauen oft einen Nachteil im Beruf, das wird ja immer wieder diskutiert. Im Fall Mütter und Beruf muss in unserer Welt auch noch einiges getan werden, damit Chancengleichheit besteht. Und zwar nicht nur Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen sondern auch zwischen Frauen mit und ohne Kind. Chancengleichheit entsteht also dadurch, dass man auf Unterschiede eingeht und nicht dadurch, dass man diese Unterschiede verleugnet. Dieses Prinzip sollte man im Umgang mit allen benachteiligten Gruppen bedenken, ob es nun Menschen mit Migrationshintergrund, aus bildungsfernen Schichten, mit Behinderung oder mit weiblichem oder gar männlichem Geschlecht sind.
Bevor ich wieder zurück zur Sprache komme ein Blick auf Geschlechtermodelle. Derer begegnen uns mindestens drei. Zunächst ist da das biologische Geschlecht, das für die meisten Lebewesen unseres Planeten recht klar definiert ist. Dann gibt es das Konzept des sozialen Geschlechts, auch als Gender bezeichnet. Und zu guter Letzt gibt es noch das Geschlecht in der Grammatik von Sprache, was sich um Deutschen ganz wundervoll mit dem lateinischen Wort Genus bezeichnen lässt.
So langsam setzt sich der Gedanke durch, dass biologisches Geschlecht und Gender auch total voneinander abweichen können. Schon allein darüber kann man eine lange Diskussion führen. Deutlich klarer ist die Lage beim Genus: Hier besteht eindeutig keine direkte Zuordnung zu Gender oder biologischem Geschlecht. Zwar sagen wir
Lehrerin und
Lehrer und machen damit nicht nur eine Genus- sondern auch eine Geschlechtsunterscheidung, aber schon beim Diminutiv wie
Mädchen oder
Bübchen zeigt sich, dass das resultierende Neutrum weder mit biologischer noch mit sozialer Realität übereinstimmen muss. Weiter geht es mit subtileren Clashes in Sätzen wie
der Gast heißt Petra oder
meine neue Hilfskraft heißt Klaus, da würde auch niemand vom Genus der Wörter
Gast oder
Kraft auf das Geschlecht der Personen schließen wollen.
Das Geschlecht (sowohl biologisches als auch soziales) kann also mit dem Genus übereinstimmen, muss es aber nicht immer. Wann was zutrifft, das hat
Kristin vom Schplock schön ausgeführt.
Wörter und Ausdrücke sind Verweise auf existierende Tatsachen oder Objekte in einer realen Welt. Mehrere Wörter können auf das selbe Objekt verweisen, wenn auch mit unterschiedlichen Nuancen, zum Beispiel
Auto,
Wagen oder
Käfer können sich alle auf ein und das selbe reale Auto draußen auf dem Parkplatz beziehen. Wenn wir nun Wörter umtaufen, so beziehen sie sich immer noch auf die selbe Realität, diese ändert sich nicht. Der Behinderte wird auf der Straße nicht weniger behindert oder diskriminiert, wenn wir ihn
Mensch mit Behinderung nennen. Und was Männer und Frauen angeht, so können wir mit
Lehrer sowohl eine Lehrerin als auch einen Lehrer meinen. Man hört ja auch immer wieder von weniger feministisch konditionierten Frauen Aussagen wie
ich bin Student – und selbstverständlich ist das keine Aussage über Geschlecht oder Gender. Andere Sprachen wie das Englische lassen das Genus bei Berufsbezeichnungen unterspezifiziert, wodurch man auch nicht auf die Idee kommt, auf ein Geschlecht zu schließen. Man weiß es einfach nicht. Das Norwegische kennt die Unterscheidung zwischen
lærer und
lærerinne, in der Regel wird aber die maskuline Form benutzt und das Verständnis davon ist gleich dem im Englischen: Man macht keine über das Geschlecht Angabe damit.
Zum Abschluss daher eine Bitte an alle, die sich für Chancengleichheit für wen auch immer einsetzen: Macht die Welt besser, nicht die Sprache schlechter!