Träume mit Musik gibt es in vielfältigen Geschmacksrichtungen: Viele Musiker lechzen nach Aufmerksamkeit, also einem möglichst großen Publikum, am Ende geht es also um Berühmtheit. Andere möchten so gut spielen wie ihr persönlicher Held, also so schnell gitarrieren wie Eddie van Halen oder so brutal bassen Marcus Miller oder so geniale Jazz-Stücke schreiben wie Herbie Hancock. Manche möchten auch einfach nur Musik machen und davon leben. Um Gedanken zu Ruhm und Ehre und dem Leben sowie dem Internet als
dem dritten Weg soll es in diesem Post gehen.
Früher war die Welt nicht einfacher, aber überschaubarer. Der große irrationale Traum ist schnell erklärt: Man formiert eine Band, schreibt die genialsten Songs, übt und probt sich die Finger und Ohren blutig, und versucht möglichst viele Gigs zu bekommen. Eines hoffentlich baldigen Tages wird man dann von einer hoffentlich großen Plattenfirma entdeckt und hat es geschafft.
Seit einiger Zeit gibt es einen neuen Traum: Man lässt sich von erniedrigenden
Casting-Shows biegen, formen und brechen und wenn man nur gut genug ist, dann wird man ein Star. Die Wahrheit ist natürlich, dass man vor allem gut genug verkäuflich sein muss, um so ein relativ schnell wieder fallengelassenes Sternchen zu werden. Der neue Traum ist außerdem nur für tanzende Sänger ein Traum, denn eine Band kommt darin nicht vor. Klar, es spielt eine Band und ohne diese Band wäre das ganze nichts, aber dafür hat sich niemand zu interessieren.
Und dann gibt es noch den dritten Weg:
Mach's dir doch einfach selber. In den vergangenen Jahren nicht wenig besungen wurden die Möglichkeiten des Internet. Ich mach das einfach alles selber und werde bekannt und berühmt ohne den ganzen Scheiß, bei dem mich Produzenten und Plattenfirmen abzocken!
Zu erwähnen ist da zunächst noch eine zweite Entwicklung: Brauchbare Tontechnik-Gerätschaften sind mittlerweile recht günstig geworden. Computer können nahezu beliebig viele Audio-Spuren verwalten und während früher eine 4-Spur-Bandmaschine in die Tausende ging, bekommt man heute für unter tausend Euro ein vertretbares 8-Kanal-Interface. Und 8-Kanal heißt auch nur, dass man nicht mehr als acht Kanäle gleichzeitig aufnehmen kann. Das Abspielen besorgt der Computer und der mischt um einiges mehr live auf stereo runter. Synthesizer sind nicht mehr die LKW-füllenden Emerson Castles wie man sie von Fotos von
Tangerine Dream oder eben Emerson Lake & Palmer kennt. Für wenig Geld bekommt man viele virtuelle Instrumente als Software und das ganze teure Equipment wie Kompressoren, Delay-Effekte, Chorus und Flanger und was-weiß-ich-noch-alles kommt als Software spottbillig oder bei der Recording-Software mitgeliefert daher. Und einen Computer hat sowieso jeder daheim. Aber selbst wenn man auf Hardware setzt kommt man günstig weg.
Wer den vorangegangene Abschnitt als fachbegriffgeladenes Geschwurbel empfunden hat, der kann sich schon langsam einfühlen in das große Problem des Selbermachens. Aber bleiben wir zunächst beim Machen. Ist also das Homerecording-Studio ausgestattet und sind die genialsten Stücke oder Songs geschrieben, dann geht es ans Aufnehmen, Mischen, ein bisschen grundlegendes Mastering ist auch noch von Nöten. Ist das Album oder auch nur die Single endlich fertig, dann muss ein Cover dafür erstellt werden. Der Selbermacher sucht sich dafür einen anderen Selbermacher, allerdings keinen Musiker sondern einen Fotografen – oder er kauft sich eine passable Kamera und lernt Fotografieren. Dann kommt ein bisschen Grafik-Design auf den Speiseplan, denn das ganze Ding muss ja auch schön gestaltet werden. Ist die Platte dann endlich in Ton und Bild fertig, geht es weiter mit rechtlichem: Was ist die GEMA, möchte ich da Mitglied werden (nein!), aber was passiert wenn ich da nicht Mitglied werde (man kommt niemals im Radio), und wer zockt hier wen auf welche Art ab, und wer war die GVL und was macht die nochmal, ist Creative Commons eine Option, was ist der Unterschied zwischen Urheberrecht und Verwertungsrecht und was ist ein Lizenzvertrag?
Sind die rechtlichen Hürden genommen, dann erscheinen eher komplexe Websites wie MySpace oder Jamendo oder last.fm nur noch Trivialitäten zu sein. Hochladen und berühmt werden! Doch was hochgeladen wurde, das wird noch lange nicht heruntergeladen. Der Selbermacher übt sich nun in Marketing. Pressemitteilungen schreiben, Gigs organisieren, sich promoten.
Wer möchte kann zu dieser langen Aufzählung an Fähigkeiten gerne noch Videoschnitt hinzufügen, denn wer sich auf YouTube versuchen möchte, der muss ja auch was Bewegtes anzubieten haben. Das alles ist also das Selbermachen. Oder vielmehr: Ein Teil der Realität des Traums davon. Ganz klar ist nämlich, dass man als Produzent, Tontechniker, Grafik-Designer und Marketing-Fuzzi und nebenher noch Musiker und Komponist hier nur mit Größenwahn überhaupt vorankommen kann. Niemand kann auf Anhieb das alles können. Findet man keine anderen Selbermacher, die einem Zeit und Knowhow spenden, so muss man Geld ausgeben. Und auch wenn das Equipment viel günstiger als früher ist, Geld ausgeben können heißt, seine Zeit zu verkaufen und einen Job anzunehmen, und dieser Job nimmt noch mehr Zeit weg als das Selbermachen. Noch mehr Zeit, die vom Wesentlichen abgeht: Vom Ersinnen und Realisieren einfach guter Musik.
Immerhin, alles selbst machen heißt auch, alles selbst bestimmen zu können. Nur verlassen kann man sich – wie bei den herkömmlichen Träumen auch – auf nichts.