Erwachsen werden – oder auch nicht

Geschrieben von DrNI am Dienstag, 2. Februar 2010 um 21:50 in Direktsaft
»Erwachsen werden heißt, sich über seine Erziehung hinwegzusetzen.« Dass das ausgerechnet mein Vater sagen musste, ist eine andere Geschichte. Die Richtigkeit bleibt davon unberührt. Erwachsen werden heißt aber auch, seine Träume über Bord zu werfen. Vielleicht weigern sich deswegen so viele dagegen. Auch Leute mit fünfzig sagen mir noch, sie möchten nie erwachsen werden. Dafür muss man sich in Kolumnen vorwerfen lassen, nicht erwachsen werden zu wollen. Berufsjugendliche, so heißt ein Schimpfwort.

Gleichzeitig zum Vorwurf der ewigen geistigen Jugend erklingt der spätestens seit Aristoteles schriftlich beklagte Tatbestand des Schlechtseins. Die Jugend ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher! Rebellen seien sie gewesen, schreiben vermutlich kinderlose Kolumnisten, denen die Jugend zu brav ist. Angepasst sei sie, arbeitssam, aus niederen Bücklingen bestehend. Und es stimmt zum Teil ja auch. Punk ist eben doch irgendwie tot.

Vielleicht ist die Verweigerung des Erwachsenwerdens eben genau das: Die letzte Bastion einer Rebellion. Und zwar nicht die vermeintliche Rebellion gegen das ganze Erwachsenendasein. Niemand hat etwas gegen einen Führerschein oder gar eine Führungsposition, auch gegen das Kinderkriegen haben die meisten nichts. Doch was bleibt ist eine verlängerte Jugendphase, an deren Ende eine fertig gebildete Persönlichkeit in eine Arbeitswelt gesteckt wird und sich fragen muss: Was soll denn diese Scheiße jetzt?!

In Wirklichkeit weigert sich niemand gegen das Erwachsenwerden. Die wirkliche Verweigerung gilt dem Verlust der Träume und dem ewigen Warten auf ein besseres Leben, das doch nicht kommen wird, außer man führt es im Jetzt. Vor einigen Jahren besuchte ein Karriereberater unseren Studiengang. Sein prototypischer Lebenslauf verzeichnete bei 31,5 das erste Kind, bei 32,9 das zweite. Bei der Lebensjahreszahl 65 fand sich das Wort Hobbies. Das war der Punkt, an dem die Stimmung unter den eh schon genervten Kommilitonen vollends einfror.

Mit Fünfzehn sagte ich: Ich lebe jetzt. Mit Dreißig werde ich sagen: Ich will jetzt leben. Die Furcht, genau das zu oft nicht tun zu können ist die Art von Erwachsenwerden, die ich lebenslänglich zu vermeiden gedenke.

Kommentare
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»Erwachsen werden heißt, sich über seine Erziehung hinwegzusetzen.«


Respekt, da hat dein alter Herr etwas wirklich wahres gesagt. Gefällt mir, steckt mehr Wahrheit drin, als man im ersten Moment vermuten würde.
#1 Tim (Homepage) am 03.02.2010 10:56 (Antwort)
Vielleicht ist die Kunst des erwachsen werdens, die, seine Träume trotzdem nicht zu verlieren und einige davon wahr zu machen.
#2 Kil (Homepage) am 05.02.2010 11:50 (Antwort)
Mit Fünfzehn sagte ich: Ich lebe jetzt. Mit Dreißig werde ich sagen: Ich will jetzt leben.

je mehr man erreicht hat, desto mehr kann man natürlich auch verlieren. Gegen den "Urtrieb" der Besitzstandwahrung, fühlt man sich oft machtlos. Einfach mal so die ganze Ausbildung und den Job hinwerfen, weil einem die Realität nicht ganz so gefällt, wie das vorher erträumte ist mit 15 sicherlich etwas einfacher als mit 30. Mit 15 hat man dann vielleicht ein mulmiges Gefühl, weil man nicht weiss, wie es weiteregehen soll. Das zu verlierende liegt jedoch in der Zunkunft. Wenn man mit 30 aber nun alles über Bord schmeisst, dann weiss man was man aufgibt.
Daher sind diese unterschiedlichen Lebenseinstellungen sicherlich bezeichnend und gut ausgedrückt für die jeweilige Lebensphase. MIt 15 ist das Gefühl zu leben (und sich eben irgendwann mal selbst zu finden) das Höchste, mit 30 hat man den Anspruch, dass man einen gewissen Lebensstandard hat, den man mit 15 definitv noch nicht hatte, darüber hinaus aber noch unbeshcwrt leben kann und alle Wahlmöglichkeiten hat. Vielleicht gilt es hier einfach die Gewichtung etwas zu verschieben. Das Lebensgefühl wirklich zu leben, hängt doch nicht von Arbeitsstelle, Alter oder Kontostand ab, sondern von Einstellung, zwischenmenschlichen Beziehungen und Felxibilität im Geist ...
#3 Dr. Sziget am 06.02.2010 15:37 (Antwort)

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