Der erste Kapitän verlässt sein Schiff

Geschrieben von DrNI am Mittwoch, 21. Januar 2009 um 18:04 in Gebührend studieren

Golm Campus der Uni Potsdam im Spätsommer 2007
Der Blogona-Prozess und damit die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen in Europa hat zu großen Umbrüchen in der deutschen Hochschullandschaft geführt. Gerne wird viel gemeckert und nicht alles ist so schlecht, wie manch einer glaubt. Früher bekam man die Prüfungsordnung ausgehändigt und dann hieß es: »Studier!« – und da saß man und wusste gar nichts. Über 20.000 Studenten wuselten um einen herum und hunderte Vorlesungen wurden angeboten und man selbst saß mittendrin, irgendwie doch einsam und vor allem sehr ratlos. Das ist heute besser.

Fast alles andere ist schlechter. Nun hat Professur Marius Reiser schon letzten Oktober angekündigt, seine seit 1991 existierende Professur niederzulegen, weil er so nicht mehr weitermachen will. Sicherlich eine Trotzreaktion, aber auch ein Signal, das durch die Medien doch etliches Gehör bekommt. In der FAZ schrieb er gestern einen langen Artikel, in dem er seine Ankündigung erläutert.
»Irgendwie erinnern die Vorgänge an unseren Universitäten an das, was im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums den Pharisäern zum Vorwurf gemacht wird: Sie sieben Mücken aus und verschlucken Kamele; sie reden nur, tun aber selbst nicht, was sie sagen; sie schnüren schwere Lasten zusammen und erlegen sie den Studierenden auf, um dann zu versichern, dass sie aus Liebe zu ebendiesen Studierenden das schwere Joch des neuen Systems tragen wollen. Nur diese Haltung macht es möglich, dass die Universität sang- und klanglos ihrer Selbstauflösung entgegenarbeitet.«
Über die marode Hochschullandschaft in unserem Land habe ich mich ja schon mehrmals ausgelassen, polemisierend gab ich ihr noch 20 Jahre bis zum Untergang oder philosophierte über Humboldts Schleudergang in seinem Grab. Nun bin ich kein Professor und das ist auch gut so, denn sonst wüsste ich das alles viel besser und ich wüsste auch, wie beschissen es wirklich ist. Wer es genauer wissen will: Einfach mal den Artikel des Herrn Reiser lesen.

Und wie recht er hat. Leider. Denn um Bildung geht es nicht mehr. Um Wissenschaft auch nicht mehr. Es geht um Ökonomie. Wie kriegen wir in möglichst kurzer Zeit genau das Wissen in die Köpfe, das die Industrie später mal aus den Köpfen wieder rauszutzeln will? Das ist der einzige legitime Zweck der modernen deutschen Universität. Kreativ ist schon lange keiner mehr. Als Computerlinguist spürt man aber fast täglich, dass es eben genau darauf ankommt. Kreativ können die Computer eben nicht sein. Und wer nichts Neues schaffen kann, der kann auch kein neues Wissen schaffen.

Forschung wird bald nur noch von Firmen gemacht werden, und da auch nur von denen, die es sich noch leisten können. Und natürlich wie immer im Ausland.


via Wissenswerkstatt und BildungsServerBlog.

Kommentare
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Den Bologna Prozess hat für Deutschland übrigens der Herr Rütgers angezettelt. Heute Ministerpräsident in NRW.

Darüber werd ich auch noch was schreiben über den Blogna Prozess. Damit man da mal sieht wie sich die Staaten damit selbst ins Knie geschossen haben.
#1 Kil (Homepage) am 21.01.2009 19:16 (Antwort)
So mal den Text gelesen. Da mag er zwar Recht haben, aber sein Rücktritt wird da auch nichts dran ändern.

Ein Prof von mir bezeichnete Heute das System als "Kindergarten". Als solchen empfinde ich die Gängelung mit Anwesenheitspflicht und Modulbauweise ebenso. Ich bin mal an die Uni gekommen um frei zu sein von dem lästigen und starren System der mir an den Schulen begegnet ist und mich immer vom Lernen der wirklich wichtigen Dinge abgehalten hat. Und dann gerate ich mitten in eine Reform die mir genau das wieder beschert. Gut, für Leute die sich nicht selbst organisieren können ist das neue System ja besser, aber man kommt sich nicht gerade ernst genommen vor. Ich glaube ja eigentlich selbst entscheiden zu können was ich lernen möchte und was nicht. Vor allem nach so viel Schulerfahrung.

Wenn man das aber als Ausbildung sieht, statt als Bildung im Sinne von Humboldt, dann bleibt einem natürlich nichts anderes übrig als so ein System zu erfinden. Das Problem ist halt nur das man ein System übernommen hat, das hier gar nicht so sinnvoll ist. Wir haben ein gutes duales Ausbildungssystem, das die Länder aus denen das Bachelor-Master System kommt nicht haben. Daher kommt übrigens auch deren höhere Akademikerquote.

Nunja man kann endlos drüber diskutieren. Warten wir mal ab welches System in 20 Jahren hip ist. Früher wars mal das japanische. Die liegen übrigens schon länger am Boden...
#2 Kil (Homepage) am 21.01.2009 19:32 (Antwort)
Es muss anders gehen. Aus vielerlei Gründen...

Wir versuchen es. Mal schauen wo uns das hinführt.

Gruß
#3 Michael Kostic (Homepage) am 21.01.2009 23:01 (Antwort)
Wenn ich das hier so lese faellt mir wieder mal auf, dass es an den deutschen Hochschulen leider immer noch zu viele gibt, die ein Studium als Urlaub verstehen.

Modulbauweise, Anwesenheitspflichten und straffere Organisation sind eine ueberfaellige Konsequenz der Faulheit vieler Studenten. In Tuebingen in Informatik war die Regelstudienzeit fuers Diplom bei 9 Semestern, der Durchschnitt war aber 13 Semester. Letztendlich zahlts der Steuerzahler, und der hats ja bekanntlich. Ist doch logisch dass sich viele Politiker und Geldverteiler da fragen, wie man die Studenten dazu bekommt, ihr Studium in der vorgesehenn Zeit abzuschliessen.

An FH's funktionierts ja offenbar erfolgreich mit strafferer Organisation, und den Unis wars sicher auch recht, endlich mal ihr Image als Zuflucht aller Faulpelze loszuwerden. Von daher kann ichs absolut verstehen wenn nun mehr gefordert wird.

Meine persoenliche Unfaehigkeit und Unerfahrenheit hat letztendlich dazu gefuert dass ich weit laenger als noetig studiert hab, mehr Hilfe haette mir da gutgetan, auch wenn ich die Freiheiten an der Uni genossen hab. Letztendlich wars aber auch ne ordentliche Portion Faulheit.

DrNI beklagt sich doch permanent ueber die Resourcenknappheit an seiner Hochschule. Eigentlich muesste er es doch dann begruessen, wenn die Hochschulen versuchen, effizienter zu werden. Natuerlich ist es oft die Umsetzung, die katastrophal ist, aber zumindest ist der Wille schonmal da. Und der macht Sinn, auch wenn er spaet kommt.

Meiner Meinung nach ist das groesste Problem an Hochschulen nicht die neue Struktur oder Resourcenknappheit, es sind hauptsaechlich lethargische Profs die einfach nicht die optimalen Inhalte lehren. Nur dadurch hat der Bachelor auch den Ruf, nicht ausreichend zu sein fuer den Berufseinstieg. Wuerden einfach mal die Lehrplaene modernisiert waere einiges besser. Was in Tuebingen teilweise fuer veralteter Muell gelehrt wurde ist mit ein Grund dafuer, dass viele Studis nur zu Pruefungen die Uni von innen sehen.

Nicht alles an Bologna ist schlecht. Nur dadurch hab ich nen internationalen Abschluss und hab so einfach wie nirgends nen Job im Ausland gefunden.
#4 Matthias (Homepage) am 22.01.2009 09:36 (Antwort)
Was sind den optimale Inhalte, die die Profs lehren sollten? Die Inhalte, die zukünftige Gelehrte drauf haben sollten, oder die Inhalte, die vielleicht hinterher Firmen brauchen? Warum klappt das an der FH und warum an der Uni nicht? Vielleicht weil die FH einfach unter dem Niveau der Uni ist und weil sie einen anderen Schwerpunkt setzt: Nicht Wissenschaft sondern die reine Ausbildung. Warum sind denn die Profs lethargisch? Eben weil sie dauernd in ihrer Arbeit behindert werden und das seit der Umstellung auf Bachelor/Master noch viel mehr. Wir haben Jahrgangsladungen von Studenten, die überhaupt nichts mehr wissen wollen sondern nur noch auf Noten hinarbeiten. Das sind nicht mal Fachidioten sondern nur noch... nunja.

Faulheit hin oder her, mittlerweile geht keiner mehr aus Interesse in eine Vorlesung. Dafür ist keine Zeit mehr. Man macht nur noch, was Credits bringt. Ich bin habe dieses System durchlaufen und versucht, Dinge zu machen, die interessant sind. Kannste vergessen, da fehlt die Zeit, das Pflichtprogramm gründlich genug zu machen. Man will ja ins Master-Programm kommen, die Note ab Stunde Null zählt. Und da wären wir wieder bei den angepissten Profs, die vor einer Meute völlig desinteressierter Seminarteilnehmer (sic!) sitzen, die alles andere machen als am Seminar teilzunehmen. Aber sie müssen halt da sein und die Credits einsammeln.

Ressourcenknappheit heißt nicht, dass die Hochschule effizient ist, sondern das Gegenteil. Wäre sie effizient, so wären die notwendigen Ressourcen nämlich verfügbar und es würde am richtigen Ende gespart.

Nicht alles ist schlecht. Aber das schrieb ich auch schon.
#4.1 DrNI am 22.01.2009 09:47 (Antwort)
Ich hab nirgends behauptet dass Resourcenknappheit Effizienz bedeutet, wo hast du das gelesen? Ich meinte dass die Resourcenknappheit die Hochschulen dazu zwingt effizienter zu werden und mit den knappen Resourcen besser auszukommen. Das ist mit der Sinn der Studienreform und des strafferen Studiums.

Jeder kann sein Traumstudium bekommen. Einfach Geldbeutel raus und an der Privat-Uni einschreiben. Aber solange es der Steuerzahler finanziert und man sich sogar ueber 500 Euro Semestergebuehren schon beklagt, ist es im Interesse des Steuerzahlers, wenn das Studium mehr an einer Ausbildung orientiert ist und nicht an dem, was 'interessant' ist aber eventuell in der Wirtschaft nicht verlangt wird. Das ist reine Oekonomie und fuer viele ist es hart sich daran zu gewoehnen.
#4.1.1 Matthias (Homepage) am 22.01.2009 09:57 (Antwort)
Du bist also der Meinung, dass Wissenschaft nicht vom Staat finanziert werden soll, Ausbildung aber schon. Wer soll also dann die Wissenschaft finanzieren? Wo soll wissenschaftlicher Nachwuchs herkommen? Vor allem die Grundlagenforschung, die womöglich erst 100 Jahre später auf vielen Umwegen zu etwas kommerziell Verwertbarem führt?
"Nur eine Theorie?" Netter Post: http://www.scienceblogs.de/planeten/2009/01/vortrag-in-recklinghausen-von-irdischen-hindernissen-und-himmlischer-hilfe.php
#4.1.1.1 DrNI am 22.01.2009 10:32 (Antwort)
Ich hab auch nicht behauptet dass Wissenschaft nicht vom Staat finanziert werden sollte, hoer doch mal auf meine Worte zu verdrehen ;-)

Es ist klar dass die Wissenschaft drunter leidet wenn im Bildungswesen oekononisch gedacht wird. Aber dafuer gibts ja etliche projektbezogene Foerdertoepfe der Regierung bzw. EU die man beantragen kann. Ich denk Forschung und Wissenschaft ist nach wie vor sehr wichtig, aber in Zeiten knapper Kassen versucht man eben, die Kohle gezielter zu verteilen.
Ebenso gibts die sogenannte Exellenzinitiative, die besonders foerderungswuerdige Unis mit zusaetzlichen Geldern versorgt. Fuer alle Unis im Land reichts halt leider nicht, aber vielleicht sollte man einfach mal ein paar zusammenlegen. Und dass die Tuebinger nix abbekommen haben sollte denen vielleicht auch mal zu denken geben.
#4.1.1.1.1 Matthias (Homepage) am 22.01.2009 10:48 (Antwort)
Nebenbei bemerkt hat das Ausland uebrigens einige Vorteile. Z.B. muss man das Gejammer der Deutschen nur noch online ertragen und kanns einfach wegklicken wenns zuviel wird ;-)
#4.2 Matthias (Homepage) am 22.01.2009 09:48 (Antwort)

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