Der Student, das lästige Wesen

Geschrieben von DrNI am Donnerstag, 20. November 2008 um 20:35 in Gebührend studieren

Hegelbau, Universität Tübingen (Abriss geplant)
Nach dem Zahlen von insgesamt 1500€ Studiengebühren ist es mir nicht mehr möglich, mir einen Kontoauszug (neudeutsch Transcript) zu beschaffen, auf dem meine offiziell für mein Studium angerechneten Scheine zu sehen sind. Das macht nun nicht mehr die lokale Sekretärin und sie freut sich zurecht über die Entlastung. Doch die Software an ihrer statt gibt mir nur kaputte PDF-Dateien. Auch der Notenspiegel ist online nicht verfügbar. Dafür kann ich mir die Raumbelegung unserer Server-Räume anschauen, könnte ja sein, dass ich in einem dieser 2×1m-Kabuffs, in denen unzählige Lüfter der Server-Gehäuse den akustischen Eindruck einer LKW-Waschanlage vermitteln, eine Lehrveranstaltung besuchen möchte.

Tosend hallt noch das Gerede der lügenschwingenden Gebührenbefürworter in meinen Ohren, die mir da sagen: »Du bezahlst nun, du bist nun Kunde, und der Kunde ist König« – ja, das mit dem Bezahlen ist richtig. Der Rest nicht. Denn eines haben die Schwinger vergessen: Die Universität hat das Monopol auf meinen Abschluss. Ich kann den Anbieter nicht wechseln. Außer mit großem Aufwand, und in ihrer Misere sind die Universitäten anscheinend bundesweit ein Kartell eingegangen: Forderungen können überall gestellt werden, insofern man einen Adressaten findet. Ändern wird sich aber kaum etwas.

Am Montag war übrigens wieder mal das lokale Meeting zum Thema Studiengebühren. Irgendwie kam fast niemand. Ich kann es verstehen und auch nicht. Aber was soll man auch noch wollen? Man verwaltet doch nur noch den Mangel. Ob man Bücher kaufen solle, wurde diskutiert. Warum das nicht die Bibliothek mache, die kenne sich damit doch aus, so fragte eine Studentin. Die Bibliothek sei quasi bankrott, erwiderte ein anwesender Professor. Es existiert durchaus ein Wille zur Veränderung, zur Verbesserung. Aber die Kohle fehlt eben. Wie ich schon zu oft hier bemängelte, fallen die Studiengebühren in ein großes Loch aus finanziellen Defiziten.

Würde man die Studiengebühren so ansetzen, dass diese Löcher gefüllt werden können, so würde gar niemand mehr studieren können. Bis auf ein paar ganz Wohlhabende. Dann könnte man die Universität auf die Größe eines Gymnasiums schrumpfen, damit wären sehr viele Steuergelder gespart. Mittlerweile bin ich enttäuscht genug, um als nörgelnder, lästiger Student genau dieses Vorhaben unseren Bildungspolitikern unterstellen zu wollen. Die Universität Tübingen hat ein Defizit allein im Bauhaushalt von fast einer halben Milliarde Euro. Man ist froh über die kleinen Verbesserungen. Zum Beispiel, dass es in der Neuphilologie nicht mehr durch das Dach der Bibliothek regnet. Auch schön ist es, wenn ein Neubau nach vielen Jahren endlich eine funktionierende Tür bekommt. Auch wenn die Handwerker so gepfuscht haben, dass die Schlüssel nicht mehr passen.

Wie viel schöner wäre doch die Universität ohne Studenten. Diese lästigen Meckerkinder, die nicht zahlen wollen und nun auch noch auf die aufmüpfige Idee kommen, es müsse tatsächlich etwas für sie getan werden. Wie viel leichter hätten es die vom Mangel gelähmten Professoren ohne diese Meute. Denn deren Willen zu exzellenter Lehre wurde ja schon Jahrzehntelang langsam und geduldig unter Papierbergen – überwiegend bestehend aus Anträgen und nochmals Anträgen – begraben und erstickt. In mehreren Fällen hört man dann von Einführungsveranstaltungen für Erstsemester, in denen der Prof nur trotzig fragt: »Was wollen sie eigentlich hier? Warum wollen sie dieses Fach überhaupt noch studieren?«. Die Elite hat den Glauben verloren. Wir Studenten klammern uns an den Ausnahmen fest, deren Ideale noch nicht zermalt wurden.

Und dieser Humboldt, der Wilhelm von, der dreht sich nicht im Grabe um. Der rotiert wie eine Waschmaschine im Schleudergang.

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Kommentare
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Tja. Also, mit der Tür: Du hattest Recht. Ich gebe der Konstruktion mittlerweile noch maximal sechs Wochen...
#1 Holger am 20.11.2008 22:42 (Antwort)
Beim vorletzten großen Unistreik hier gab es wenigstens noch zaghafte Ansätze, etwas gegen dieses Monopol tun zu wollen, Stichwort Volksuni, freie Bildungsprojekte und sowas. Das ist beim letzten Streik gar nicht mehr aufgetaucht. Manchmal hat man den Eindruck, es geht um so eine Art Beschwichtigungsritual - Hauptsache, man hat Unzufriedenheit geäußert, aber das Wichtigste ist dann doch, dass es am Ende ein Zeugnis vom Staat gibt. ("Der Staat mag mich eigentlich, er ist nur gerade nicht so gut drauf, vielleicht hatte er ne schwere Kindheit.") Gerade in den Geisteswissenschaften könnte ich mir aber vorstellen, dass eine von der Basis her organisierte, z.B. genossenschaftliche, alternative Hochschule gar nicht so schlechte Karten hätte, wenn man das richtig einfädeln und nicht gleich zum Sprungbrett für die sozialistische Weltrevolution deklarieren würde. Allerdings ist das Zulassungsverfahren für Hochschulen, von den seit Bologna nötigen Akkreditierungen der Studiengänge mal ganz abgesehen, wohl elend lang und teuer, und auch eine freie Hochschule wäre darauf angewiesen, letztlich direkt oder indirekt von Studiengebühren, Drittmitteln und Staatsgeldern zu leben. Der entscheidende Vorteil wäre, dass man nicht mehr an der Hüfte mit dem allgemeinen Staatshaushalt verbunden wäre, in den ja gerne mal was wegsickert.
#2 mawa (Homepage) am 21.11.2008 00:24 (Antwort)
Ob der Staat mich mag oder nicht, weiß ich nicht. Meine 19% auf jeden gekauften Furz nimmt er jedenfalls gerne. Mein Bundesland jedenfalls spuckt den Mitgliedern seiner Hochschulen mit Leidenschaft ins Gesicht, und das nicht erst seit gestern.
#2.1 DrNI am 21.11.2008 22:08 (Antwort)
In Zeiten von grossen Koalitionen - sprich: dem kleinsten gemeinsamen Nenner - revolutionaeres, ja Fundamentalreformen zu erwarten, ist nicht realistisch. Vor allem dann nicht, wenn die Bildung auch noch von Oma Schavan verwaltet wird. Die meisten haben einfach aufgegeben, was bleibt einem dann noch uebrig als auch zu resignieren? In ein paar Jahren heissts dann wieder 'damals wurden Fehler gemacht', aber die Entscheidungstraeger von heute erreicht das nicht mehr. Bei mir hat das dann einfach zu mehr Egoismus gefuehrt, schau dass du dein Zeug fertig bekommst und dann weg. Es ist ein Kampf gegen Windmuehlen sich aufzuregen.

Interessant uebrigens, dass das Onlinesystem der Uni immer noch nicht tut. Die Funktion, online Scheine und Raeume anzuschauen sollte schon vor anderthalb Jahren fertig sein. Kann mich noch erinnern mich eingeloggt zu haben nur um sehr enttaeuscht quasi null Funktionalitaet vorzufinden.
#3 Matthias (Homepage) am 21.11.2008 11:22 (Antwort)
Ein Problem beim Online-System »Campus« könnte gewesen sein, dass es wohl ein Ausschreibungsverfahren geben musste und dass man sich für den günstigsten Anbieter entscheiden musste. Das dürfte auch das Problem mit der im Post genannten Haustür sein. Es wird halt vom Gesetz her vorgeschrieben, schwäbisch zu sparen: Immer das Billigste und dafür alles zwei bis drei Mal kaufen.

Man muss aufpassen, wenn man »die Uni« kritisiert. Oft stecken einfach nur Landes- und Bundesgesetze und Richtlinien des Landesministeriums dahinter und die Uni ist nur das Opfer.
#3.1 DrNI am 21.11.2008 11:49 (Antwort)
Ich dachte immer die haetten das Campus System selbst entwickelt.

Natuerlich ist die Uni nur das Opfer. Der Fisch stinkt immer von oben und der Fehler steckt im System. Allerdings koennten die Unis auch viele Verbesserungen beitragen, eine straffere Verwaltung, Prozessoptimierungen, event. Zusammenlegungen von Unis in der Region, und natuerlich koennten sie event. auch davon absehen die ungenauen Gebuehrenregelungen auszunutzen und Studiengebuheren fuer andere Zwecke zu verwenden.
#3.1.1 Matthias (Homepage) am 21.11.2008 11:58 (Antwort)
Also in Siegen war zumindest ein Ansatz von Verbesserung zu erkennen. In der bibliothek aber auf jeden Fall. Ein Buch, dass ich für meine BA Arbeit brauchte habe ich zur Anschaffung vorgeschlagen und es kam noch während der Bearbeitungszeit.

Jetzt studiere ich ja ohne Gebühren. Dafür sehe ich wie hier durch sinnlose doppelte Verwaltungsstrukturen das Geld zum Fenster rausgeworfen wird.
#4 Kil (Homepage) am 21.11.2008 14:07 (Antwort)

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