Karriere-Berater

Geschrieben von DrNI am Freitag, 13. Juni 2008 um 10:49 in Direktsaft
Neulich hatte ich zwei der in den Universitätsgebäuden omnipräsenten Karriereblätter mitgenommen, um daraus mal wieder eine Buzzword-Wand zu gestalten. Früher hatte ich noch versucht, mich kritisch mit diesen Blättern auseinanderzusetzen. Nun sitze ich also hier. karriereführer steht in eleganter Kleinschrift auf jedem der zwei Heftchen. Rechts daneben kleiner: das magazin für hochschulabsolventen. Was soll man noch sagen? Ich bin dabei, Absolvent zu werden. Aber in diesem Blatt geht es nicht um das, was ich mache. Leichtes Unbehagen beim angekündigten Top-Thema: Suche nach den Besten: Aufstieg in die Elite. Auf der ersten Seite steht, um was es geht:
»Liebe Leserinnen und Leser, wer Consultant werden muss, muss schon vor dem Berufseinstieg ein Ass (oder mehrere) im Ärmel haben: Top-Examen, Auslands- und Praxiserfahrung, Engagement, das beweist, dass man zu den besten zählt […]«
Bei all dem Ekel, der einem beim Durchblättern dieser Blätter hochkommt, bleibt doch ein Gutes: Wie gut, dass ich nicht Consultant werden will. Denn man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass es dem gemeinen Consultant eben nicht um das Konsultieren Beraten, sondern nur um seine eigene Karriere geht. Dem entsprechend verhält es sich auch mit den Überschriften der Artikel. Stromlinienförmiges Weiterkommen vom Praktikanten bis zum Chef:
»eliteschmieden: garantie für den perfekten jobeinstieg?«
»berater auf probe«
»hilfe auf dem weg nach oben«
»consulting - cases - contacts«
»aufgestiegen zum associate«
»assassments, gespräche und brainteaser«
Quelle: karriereführer 05.2007-04.2008, Kleinschreibung beibehalten.
Ich habe einen Traum. Ich träume von einer Welt, in der Menschen in der Berufswelt nach ihren Fähigkeiten und nicht nach ihrer Kriechfähigkeit oder ihren Verbindungen beurteilt werden. Eine Welt, in der Menschen die Chance haben, sich zu verbessern. Eine Welt, in der Politiker und Führungskräfte Ahnung von ihrer Arbeit haben. Eine Welt, in der nicht Firmen von Heuschrecken überfallen, totberaten und als Leichen verkauft werden.

Zurückdenken an die Predigt des Gemeinschaftskundelehrers. Die Soziale Marktwirtschaft. Hurrah! 60 Jahre alt wird sie diesen Monat und gebrechlich ist sie geworden, ja ein alter Kauz, den wir hinter dem Ofen sitzen lassen und auf dessen Wort wir nicht mehr hören.

Vielleicht sollten wir einen Pflichtkurs Realitätserfahrung einführen: Alle Consultants müssen nach ihrem ersten Berufsjahr ein mindestens halbjähriges Prakikum an der Kasse einer Supermarktkette wie Lidl machen.

Und auch von diesem Geld leben.

Trackbacks

Worthäufigkeit visualisiert: Wordle
Unlängst berichtete ich vom Vorhaben, wie schon einmal eine Buzzword-Wand aus Karrieregeblubber zu fabrizieren, das ich dann aber doch nicht in die Tat umsetzte. Wordle nimmt einem die Arbeit ab und macht optisch auch einiges mehr her: Es handelt sic
Weblog: Gsallbahdr
Aufgenommen: Jun 19, 12:56

Kommentare
Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

Hi!
Im ersten Link ist ein Leerzeichn zu viel drin.
#1 Julius am 13.06.2008 15:59 (Antwort)
War eines zu viel. :-) Danke.
#1.1 DrNI am 13.06.2008 16:12 (Antwort)
Fehlt da nicht ein "ich" im ersten Satz? Ja die soziale Marktwirtschaft ist wohl schon in Altersteilzeit und wird bald verrentet. Eigentlich ist sie eh mit der Deutschland AG gestorben.
#2 Kil (Homepage) am 13.06.2008 21:51 (Antwort)
Jetzt nicht mehr. Mit meiner Leistung hier wird das wohl nichts mit der Karriere.
#2.1 DrNI am 13.06.2008 22:00 (Antwort)
Ja das wird nix mehr, vor allem wenn du so selbstlos bist und auch noch dich selbst vergisst. ;-)
#2.1.1 Kil (Homepage) am 14.06.2008 09:09 (Antwort)
Ich verlinke an dieser Stelle einfach meinen Lieblingskabarettisten, Volker Pispers. Der sagt das so viel schöner:

http://youtube.com/watch?v=ko5CCSomDMY
#3 aleks am 14.06.2008 10:58 (Antwort)
Ich finde ihn etwas zu beleidigend. Aber im Prinzip hat er natürlich recht und er bringt vieles auf den Punkt. Jeder "normale" Arbeitnehmer wird nach Leistung bezahlt (bzw. bekommt bei Nichtleistung erhebliche Probleme). Bei den Consultingfirmen und den Managern und auch Politikern zweifelt man daran. Ob zurecht oder nicht: Das Gefühl der Ungerechtigkeit nimmt auf jeden Fall zu.
#3.1 DrNI am 14.06.2008 11:35 (Antwort)
Märklin gab die Hälfte seiner jährlichen Verluste für Berater aus - 13 Millionen Euro. Sagt das nicht alles über diesen Berufsstand?
#4 uli (Homepage) am 10.02.2009 07:55 (Antwort)
In dem Fall sagt es auch etwas über die Banken aus, die nämlich keinen Bock mehr auf das Theater hatten und die Kohle einfroren: Da gibt es doch noch vernünftige Leute. Früher oder später wäre Märklin wohl sowieso vollends kaputtberaten (man möchte kalauern: verraten) gewesen.
#4.1 DrNI am 10.02.2009 09:02 (Antwort)

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA