Die unglaublichen Abenteuer des Herrn Rasdavon (3)

Geschrieben von DrNI am Montag, 5. November 2007 um 23:16 in Unreine Fiktion
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Nach dem viel zu frühen Anruf von Frau Locke machten sich Schlafmangel und Erschöpfung bei Herr Rasdavon noch einmal breit und ließen ihn, wenn auch nur kurz, in tiefen Schlaf fallen. Als er erwachte galt sein erster Gedanke der Uhr und er bemerkte, daß ein verspätetes Erscheinen zum Dienst drohte. Das waren weder seine Kollegen noch er gewohnt und so sprang er aus dem Bett, mit einem Satz war er an der Kommode und öffnete die Schublade mit der Unterwäsche.

Der Anblick zweier Stapel Schiesser Feinripp und zweier weiterer Stapel schwarzer Boxershorts ließen sein Hirn schockgefrieren. Auf einmal war alles wieder da, der Samstag morgen in Frau Lockes Bett, Herr Stantepede, die tiefe Krise, im Finanzamt eine Mitwisserin seines anderen Lebens zu haben und letztendlich - und das war das einzig etwas Beruhigende - die Tatsache, daß sie und er beschlossen hatten, an diesem Montag nicht arbeiten zu können.

Am Samstag war er das erste mal nicht als Finanzbeamter sondern als Freizeit-Rebell erwacht. An diesem Montag war wieder nicht erwacht wie gewöhnlich: Er war zwischen zwei Leben in den Tag katapultiert worden. Zum ersten Mal war es nicht sonnenklar, daß er sich gleich gepflegt in seine Beamtenschale werfen würde. Er konnte sich nicht entscheiden, was er anziehen sollte. Zwar hatte er im vergleich zu Frau Locke, die andernorts wieder schlummerte, weit weniger Auswahl an Kleidungsstücken, aber dennoch war es die Wahl zwischen zwei Lebensformen: Der des Finanzbeamten und der des Rebellen. Als vorübergehende Lösung fand sich in der hinteren Ecke des Kleiderschranks sein alter Jogginganzug, den er schon lange nicht mehr benutzt hatte. Aber immerhin war diese Kombination weder das eine noch das andere und so hatte er das Dilemma zunächst umgehen können.

Herr Rasdavon kochte sich Kaffee, setzte sich auf die Eckbank und versuchte nachzudenken. Tausend Dinge passierten. Er drehte sich eine konische Kippe, legte dann aber nicht die Beine auf den Tisch. Er stand wieder auf, schaltete die Stereo-Anlage an und hörte ein paar Minuten einen Oldie-Sender, dann schaltete er wieder aus und setzte sich wieder hin. Er griff zum Telefon und wußte nicht, wen er anrufen sollte. Eine Weile lang starrte er an die Decke, dann zur Balkontür hinaus, dann auf die Tischplatte. Er ertappte sich dabei, wie er auf seine Hände starrte, die für einen gestandenen Biker doch irgendwie zu gepflegt und zu weich waren. Er dachte an Frau Locke und fragte sich, ob er wohl zärtlich gewesen war oder ob sie nur hart am abgehen gewesen waren. Er wußte es nicht, aber die Schmetterlinge fingen schon wieder an, zu Hubschraubern zu werden, und das brachte seine Gedanken in eine andere Richtung.

Vielleicht sollte er Frau Locke anrufen. Man soll ja miteinander reden, über seine Gefühle und so. Er konnte sich nicht entscheiden, nahm erneut das Telefon, legte es wieder weg. Was aber, wenn das doch nur für eine Nacht war? »Meine zweite Identität, verschenkt für eine Nacht«, schoß es ihm durch den Kopf. Schließlich konnte es ja auch sein, daß sie gar nicht reden wollte. Vielleicht wollte sie mehr das eine, oder auch das andere, bevorzugte aber zum Reden ihre beste Freundin. Er wußte es nicht. Um so mehr er darüber nachdachte, um so weniger wußte er, und um so mehr fühlte er. Er bemerkte wie wenig er sie kannte. Er wußte nur, sie spielte elektrische Gitarre und mochte auch Musik der härteren Gangart, hieß Petra Locke und war ledig. Und dennoch fühlte er. Es war fast unheimlich.

Er ging durch den kleinen Garten vor dem Balkon zu seinem kleinen Gewächshaus. Dort wuchsen die besten Tomaten überhaupt, die er hedonistisch-spießig mit bestem Balsamico und dem in kleinen Kästen wachsenden Basilikum und dem Büffelmozarella vom Feinkosthändler zu genießen wußte. In friedlicher Koexistenz mit den Tomaten wuchsen andere grüne Pflanzen, von denen er nun erntete. Leider war ihm das getrocknete Material ausgegangen und so blieb ihm nicht viel anderes als die Schnelltrocknung in der Mikrowelle. Er empfand den Duft als herrlich, der sich alsbald in der Wohnung ausbreitete.

Die nächste konische Kippe hatte richtig Dampf dahinter und Herr Rasdavon schlief mit einem astronomisch breiten Grinsen auf der nicht unbedingt bequemen Eckbank ein.

Gegen fünf Uhr nachmittags klingelte das Telefon und riß Herrn Rasdavon aus seinem traumlosen berauschten Schlaf. Wieder erwachte er nicht als Finanzbeamter und dieses Mal in gar keinem Bett, aber es störte ihn weniger als noch am Morgen. Es klingelte immer noch. Der Anrufbeantworter erbarmte sich und trötete die langweilig-gelangweilte Vorstellung eines Finanzbeamten durch die Leitung. Nach dem Piep war ihre Stimme zu hören.
»Ringo? Bist du da? Ringo, ... geh bitte ran.«
Es folgten zehn unentschlossene Sekunden, dann konnte er sich überwinden und griff zum Hörer.
»Hallo.«, sagte er mit tiefer, verschlafener Stimme.
»Ich will... nein, ich muß dich sehen!«
»Oh-kay«
»Wann?«
»Ich bin unterwegs«, sagte er und legte auf.

Wie selbstverständlich steckte er sich in die Freizeit-Rebellen-Kluft, ließ die Tür lautstark ins Schloß fallen und kickte das Stahlpony an. Mit einem eher zurückhaltenden Kavalierstart raste er davon, der Sonne entgegen, zu Frau Locke, dem angenehmen Teil seines Abenteuers.

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