Meine fünf Minuten Freiheit

Geschrieben von DrNI am Samstag, 18. August 2007 um 11:56 in Direktsaft
Die Zeit der Frühstücks-Flashbacks ist bei mir anscheinend noch nicht überstanden. Der Zivildienst liegt nun schon eine geraume Zeit hinter mir, viel gäbe es zu erzählen, aber eines ging mir heute morgen durch den Kopf.

Zwei mal in der Woche war ich schon ganz früh morgens allein. Nein, nicht allein mit meinen Schützlingen, meinen psychisch Kranken, wie wir alle politisch korrekt zu sagen pflegten. Sondern wirklich allein. Die ganze Werkstatt hatte sich zur Andacht begeben. Anfangs mußten die Zivis dieser Andacht beiwohnen, obwohl kein akuter Betreuungsbedarf dabei bestanden hätte. Mit Hilfe der zuständigen Stelle der Einrichtung und dem Grundgesetz wurde die Teilnahme dann bald freiwillig. Es war also dieses Viertelstündchen, zwei Mal die Woche.

Im Sommer war die Sonne schon wach und drückte ein paar kräftige Morgenstrahlen durch die Fenster, unterbrochen in ihrem tiefen Stand von den Silhouetten gegenüberliegender Behindertenheime und der Bäume entstand auf den noch leeren Holztischen in der Gruppe 1 ein Muster von einer schweren und zugleich süßen Leichtigkeit, die nur ein früher Sommermorgen bringen kann. Auch nach all den Jahren seines Daseins in Form eines Tisches ließ es sich das Holz nicht nehmen, ein letztes Quäntchen des typischen Holzduftes herauszuquetschen, was durch die Wärme der Strahlen angenehm gefördert wurde. Dazu kam der sanfte, unauffällige, aber bestimmte Geruch des Lösungsmittels vom Raum nebenan, in dem die Offset-Druckmaschinen darauf warteten, daß die Mannschaft zurückkehren möge. Doch noch war es leer.


Wer nicht betet muß arbeiten, so viel war klar. Als ganztäglich ausbeutbare Kraft war mir meist der Stand der Dinge vom Vorabend noch gut in den verstaubten Hirnwindungen geblieben und auch der Stammplätze und Fähigkeiten der Klientel war ich mir nach ein paar Wochen bewußt. Also stellte ich jedem Material zum Arbeiten hin, etwas das zu ihm oder ihr und zu den Anforderungen in der Auftragstasche passte. Ich arbeitete zügig - wie meistens in der Gruppe. Denn an diesen zwei Morgen lohnte es sich. Ich war meist eher fertig.

Dann kamen meine fünf Minuten Freiheit. Kurz bevor das Spiel der Sonne sich in erste Anwandlungen einer Gluthitzemaschine stürzen sollte saß ich dort also auf einem der angewärmten Tische, die Füße auf einen Stuhl gestellt, den Kopf auf die Hand gestützt und den Ellbogen auf einem Knie und blinzelte hinaus und träumte. Sollte dann noch die mir namentlich unbekannte im freiwilligen sozialen Jahr steckende Maximalsüßheit mit einem ihrer armen Spastiker am Fenster vorbeirollen, dann waren der Traum und das Glück perfekt.

Dann ging vorn die Eingangstür, ich hörte sie leise reden und hereinschlurfen, sie kamen immer in der selben Reihenfolge. Ich wand mich aus meiner Position, streckte mich und wünschte einen guten Morgen. Und sie freuten sich, daß sie gleich loslegen konnten mit ihrer stupiden Arbeit, die ihnen so gut tat, die ihnen einen Sinn stiften konnte der mir in diesem Laden öfter mal stiften gegangen war.

Und dann nur nicht auf die Uhr schauen, damit das Eintreten der Vesperpause seinen schalen Charme als bereits erratene Überraschung ausspielen konnte.


Das Foto stammt nicht aus dem Nördlinger Ries sondern aus meinem ersten Urlaub nach dem Zivildienst. Ein sehr langer Moment der Freiheit.

Trackbacks

Supergirl, sonst nicht viel
Ein weiterer Flashback, heute schon geraume Zeit nach dem Frühstück, allerdings weit weniger pseudo-literarischer Natur, bezieht sich auf das Jahr 2000, in dem ein Song im Radio omnipräsent war. Dessen erotisch verregneter Video-Clip ging gefühlsmäßig mit
Weblog: Gsallbahdr
Aufgenommen: Aug 19, 17:10

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