Es sieht im Moment nicht rosig aus um die Tübinger Computerlinguistik. Der Studiengang
International Studies in Computational Linguistics (ISCL) leidet sowohl im Bachelor als auch im Master unter einem Mangel an Lehrkräften. Die Pflichtveranstaltungen im Bachelor-Programm können wohl noch abgedeckt werden, aber für Master-Studenten wie mich wird die Auswahl an Seminaren zu Pflichtveranstaltungen: Wer die Anzahl von Credit Points erreichen will, die man pro Semester benötigt um in vier Semestern fertig zu sein, der nimmt eben was da ist. Da kann man dann aus drei Seminaren zwei aussuchen. Auswahl ist meines Erachtens etwas anderes. Der einzige Trost: Einzelne Veranstaltungen von der Informatik können anerkannt werden. Allerdings interessiert sich nicht jeder gleich stark für die Programmiererseite der Computerlinguistik. Genauso berechtigt ist der Wunsch, sich stärker in Richtung Sprachwissenschaft zu orientieren.

Masarykova unverzita Brno - RektorátWas wirklich dahinter steckt, das erfährt man als Student eigentlich nicht. Aber dann eigentlich doch, denn es gibt ja Kommilitonen mit einer Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft (Hiwi). Und so kommt die eine oder andere Information nach außen. Der Reihe nach: Das Seminar für Sprachwissenschaft besteht aus drei Lehrstühlen. Zwei von diesen sind derzeit nicht besetzt. Einer davon schon seit über zwei Jahren. Man hat einen Nachfolger gerufen aber er wollte nicht kommen. Der andere Lehrstuhl darf nun zunächst einmal für eine gewisse Zeit nicht neu besetzt werden.
Dazu kommt noch, daß die Dozenten nur eine begrenzte Zeit beim Land Baden-Württemberg angestellt sein dürfen. Einige haben unabhängig davon nur befristete Verträge. Letztes Jahr fiel dadurch die erste weg, sie bekam eine Stelle als Assistant Professor in den USA. Ich schätze, sie ging mit anderthalb lachenden Augen. Ich weiß noch von drei weiteren, deren Verträge auslaufen. Und dann haben wir da noch unseren Sonderforschungsbereich, aus dem auch immer wieder Lehrveranstaltungen angeboten werden. Der wird nächstes Jahr geschlossen.
Wenn die entstehenden Lehre-Löcher nicht bald gefüllt werden, dann wird es ernst. Da Gastdozenten pro Semester den Festbetrag von 800€ erhalten ist niemand motiviert, als solcher aufzutreten. Rechnet man alle Vor- und Nachbereitung für eine einsemestrige, einstündige (2x45min) Lehrveranstaltung mit ein, dann ist der Stundenlohn mickrig.
Bleiben also die Studiengebühren als Hoffnung? Wie ich schon
berichtete kann sich das Seminar für Sprachwissenschaft nicht mal zwei volle Hiwi-Stellen vom Ertrag aus den Gebühren leisten. Das heißt dann wohl, daß im schlimmsten Fall zwei Professoren und vier weitere Dozenten (Docs) durch zwei Hiwis kompensiert werden müssen? Das ist natürlich grober Blödfug. Aber wir erinnern uns zu gern an die Versprechen der Politik, wie sich doch die Lehre verbessern werde und wie die Uni zum Paradies werde.
Die Studiengebühren scheinen auch noch einen weiteren Effekt zu haben: Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen, aber die Bewerberanzahl sickert jedes Jahr doch irgendwie durch. Letztes Jahr sollen es 160 Bewerber für den Bachelor-Studiengang gewesen sein. Dieses Jahr ist die Rede von 21 Bewerbern. Davon sollen 16 akzeptiert worden sein. Wenn nun also weniger gute Bewerber akzeptiert und als Folge durch den Studiengang geschleift werden (zu hohe Abbrecherquoten machen die zentrale Verwaltung sauer), dann leidet am Ende die Qualität des Abschlusses. Und wenn sich erst mal herumspricht, daß die Absolventen schlechter geworden sind bei gleicher Note, dann wird es schwierig, wieder aus der Misere herauszukommen.
Zusammengefasst: Eine »Verkettung unglücklicher Umstände« (wie es auf Politikerisch heißt) macht es derzeit überlegenswert, lieber wo anders zum Studium der Computerlinguistik anzutreten. Dies gilt vor allem für Master-Studenten. Wenn die richtigen Maßnahmen getroffen werden ist es sicher, jetzt mit dem ISCL Bachelor in Tübingen anzufangen.
Hoffen wir also auf das Beste. Und darauf, daß man es sich auch leisten kann. Sonst heißt es für meinen Jahrgang: Nach uns die Sintflut.
Gerüchte-Quellen: Abgesehen von mündlichen Überlieferungen findet sich im Forum der Fachschaft so einiges.
Nachtrag 05.10.2007: Bitte beachtet auch diesen Artikel, in dem ich diverse Verbesserungen der Zustände schilderen.