Geschrieben von
DrNI
am Mittwoch, 21. Februar 2007
um 15:24
in
Direktsaft
Eine große Frage. Was macht uns eigentlich so richtig Muffensausen. Nein, ich meine nicht, wer Angst hat Nachts im Wald herumzuspazieren. Ich meine diese unterschwelligen Angstgefühle, deren Ursache man nicht genau fassen kann. Der Bösewicht im schwarzen Umhang hinter seiner Maske, was ist sein wahres Gesicht?
Wir könnten nun vor der Energiekrise Angst haben. Ich schreibe diesen Text auf meinem Laptop denn der Strom ist weg und der Akku hält noch etwas. Meinen Earl Grey konnte ich mir dank Gasherd dennoch zubereiten. Energiekrise? Ölkrise ist passé, längst haben wir gespürt, daß es auch noch Gas gibt und daß da nicht Deutschland am Absperrhahn der großen Leitung sitzt. Urankrise? Es hat sich bei diesem Thema niemand gefragt, wo eigentlich der Sprit für die Atomkraftwerke herkommt, die ja in solchen Diskussionen immer die ultimative Lösung darzustellen scheinen. Holzkrise? Auch das wäre noch eine Möglichkeit, wenn wir alle mit Holzpellets heizen und unsere heimischen Wälder gar nicht schnell genug nachwachsen. Benzin- und Dieselkrise, die sind wichtig, denn ohne Auto sind wir in Deutschland ja nur halbe Bürger. Aber mal ehrlich: Angst vor der Energiekrise? Nicht in Sicht!
Wie wäre es mal mit Terrorismus. Das ist doch richtig schön zum gruseln. Wir kennen die Terroristen nicht und wir wissen auch nicht, wer die Opfer eines Anschlags wären. Damals mit der RAF war das irgendwie einfacher. Der moderne Terrorismus ist optimal zum Angst haben: Wir kennen weder die Täter noch wissen wir, wen es erwischen wird. Und mit dieser Angst kann man schon mal Politik machen. Politik hin zum Überwachungsstaat. »Ich habe ja nichts zu verbergen« - sagt der, der dann zwei drei Jahre später im Internet nach einer einer bestimmten Geschlechtskrankheit sucht, dummer Ausrutscher, die Frau soll besser nichts wissen, doch es hört oder liest immer jemand mit. Was wohl der Nichtszuverbergenhabende über eine Kamera in seinem Badezimmer sagen würde? »Das ist ja pervers!« - nein, ist es nicht. Es ist nur eine Reinform von
nichts zu verbergen wenn man mit dem Bewußtsein lebt, daß immer einer zuschaut. Ob beim Essen, beim Staubsaugen, beim Duschen oder beim Sex.
Das mit dem Terror klappt nicht hundertprozentig, denn irgendwie fühlen wir uns sicher und zu einem erfolgreichen Anschlag kam es in Deutschland bisher noch nicht. Wovor also Angst haben? Würde ich im Osten der Republik wohnen, dann hätte ich vielleicht Angst vor den Neonazis. Die Neonazis haben jede Menge Angst aber das ist uncool deswegen machen sie Wut daraus und verhauen andere Leute bis die nicht mehr aufstehen. Wenn die anderen Leute dann keinen Bock mehr auf die Tour haben und wegbleiben, dann bleibt ja immer noch der Fußballplatz, da sind immer Leute, die man mit seiner Angst, pardon, Wut beeindrucken kann.
Trotz Lothar und Kyrill machen unsere Naturkatastrophen nicht viel her, die sind zwar nicht gerade schön und fordern ihre Opfer. Aber haben wir Angst davor? Nicht wirklich. Sollten wir aber, wenn man neueren Berichten zum Klimawandel glauben schenken mag. »Ein Herz für Holländer« wird es bald in neuen Kampagnen heißen denn die Niederlande werden dann zur Nordsee gehören. Und dann muß jeder einen Klimaflüchtling aufnehmen. Auch werden wir uns mit der Malaria abfinden müssen, die dann nördlich der Alpen eine Volkskrankheit zu werden droht.
Angst vor dem Fernsehen haben wir auch nicht. Eher Angst vor dem Leben ohne Fernsehen. Angst vor dem Leben ohne Plasmaglotze? Wer hat sie? Wir alle. Indirekt. Angst vor dem Abstieg. »Das war das Glück der Mittelschicht« titel die Zeit vom 15. Februar. Es geht bergab. Und uns kommt das Grausen. Meine Generation ist im Wohlstand aufgewachsen. »Mach was aus dir!« hieß es. Und »sei fleißig!« und »wer arbeitet aus dem wird was!« Das ist nun leider alles Humbug geworden. Willkommen in der Neuzeit. Liebe Kommilitonen, rackert Euch nur ab! Jaja, ich gebe es zu, ich versuche auch meistens, gut im Studium zu sein. Oft ist das sogar richtiggehend nervenaufreibend. Aber am Ende hängt es davon nicht ab. Ohnmacht. Es hängt nicht mehr vom Individuum ab sondern von den höheren Zielen diverser Konzernvorstände. Der soziale Abstieg kann jeden erwischen.
So sitze ich hier vor meinem alten gebrauchten Laptop (aber immerhin ein Laptop) inmitten meiner Instrumente und warte darauf, daß sie den Strom wieder anknipsen. Und ich frage mich: Werde ich mich eines Tages entscheiden müssen? Werde ich einmal die Familienkutsche verkaufen um einem meiner Kinder ein Instrument kaufen zu können? Wird mir meine dann aufoktrinierte Lebenssituation überhaupt erlauben, die erhoffte und gewünschte lange Partnerschaft inklusive Nachwuchs zu haben? Was wird aus dem Traum vom Flügel im eigenen Wohnzimmer? Werde ich eines fernen Tages die Hütte meiner Eltern verkaufen und noch ein paar Jahre damit irgendwelche Schulden zu tilgen versuchen? Fragen über Fragen. Daß die Antworten zum Negativen ausfallen ist in unserer Zeit für meine Generation wesentlich wahrscheinlicher als noch vor 20 Jahren. Die Zeit schreibt, speziell Leute mit »Brüchen im Lebenslauf« seien Kandidaten für den Abstieg. Man könnte ja auch sagen, die haben ihren Weg hinter sich und wissen was sie wollen. Stattdessen Pessimismus: Die sind Versager und werden nicht lange dabeibleiben.
Man mag mir nun generell Pessimismus vorwerfen, aber ich behaupte: Das ist die neue Angst. Die Angst vor dem Abstieg. Wir solidarisieren uns nicht, wir werden zu Einzelkämpfern, zu hungrigen Wölfen die das Rudel nicht mehr kennen. Familie, Beziehungen, Freunde - das wird uns in Zukunft weniger wichtig sein können. Jeder wird schauen wo er bleibt. Und die Meisten werden auf der Strecke bleiben, so sehr sie sich auch bemühen. Denn es wird immer weniger in ihrer Hand liegen ob es funktioniert oder nicht. Und ein Studium ist schon lange keine Garantie mehr für irgend etwas da draußen. Ein Studium entwickelt sich nur noch zu einem Garant für Schulden.
Wir können machen was wir wollen, was aus uns wird ist nicht mehr unsere Entscheidung. Und davor haben wir Angst.
Willkommen in der Neuzeit.